Lesung in Schleswig : Gerichtstermin für Günter Grass

Günter Grass: Am 6. Juni kommt er nach Schleswig und liest im Plenarsaal des Oberlandesgerichts.
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Günter Grass: Am 6. Juni kommt er nach Schleswig und liest im Plenarsaal des Oberlandesgerichts.

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass ist der größte Star im Jahresprogramm der Schleswiger „Gesellschaft Justiz und Kultur“.

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01. Januar 2015, 08:00 Uhr

Es wehte ein Hauch von Staatsbesuch durch die Stadt, als Günter Grass am 14. Januar 2011 Schleswig besuchte. Am Nachmittag trat er auf Schloss Gottorf auf, wo er mit dem damaligen Museumsdirektor Jürgen Fitschen in der Reithalle ein „Kunstgespräch“ führte. Sodann fuhr man den Literatur-Nobelpreisträger zur Lesung ins ausverkaufte Stadttheater, von dem damals noch niemand ahnte, dass es nur wenige Monate später wegen Einsturzgefahr für immer seine Türen schließen sollte.

Im neuen Jahr kommt der inzwischen 87 Jahre alte Nationaldichter noch einmal nach Schleswig. Am 4. Juni liest er im Plenarsaal des Oberlandesgerichtes (OLG). Sein Auftritt ist eine von zehn Veranstaltungen, die die „Gesellschaft Justiz und Kultur“ für das kommende Jahr plant. Wer Grass live erleben möchte, wird dazu vermutlich eine gute Portion Glück brauchen. Die Plätze wird man – wie für alle Lesungen im OLG – anderthalb Wochen vor dem Termin telefonisch reservieren können. Karten gibt es für diejenigen Anrufer, die zuerst durchkommen.

Konstanze Görres-Ohde, die Vorsitzende der „Gesellschaft Justiz und Kultur“ und frühere OLG-Präsidentin, hat in den vergangenen Jahren schon viele namhafte Schriftsteller in den hohen Norden gelockt. Auch Günter Grass kennt den Plenarsaal im zweiten Stock des stattlichen Gerichtsgebäudes bereits. Vor mehr als elf Jahren, Ende 2003, hatte er seine damals noch ganz frische Novelle „Im Krebsgang“ dabei. Und er las auch einige von seinen Gedichten, allerdings viel zu wenige, fand Görres-Ohde. „Ich hoffe, dass er diesmal noch mehr davon vorträgt“, sagt sie. Denn was er lesen wird, ob bis zum Juni vielleicht sogar etwas Neues von ihm erschienen ist, darüber hat sie mit Günter Grass noch nicht gesprochen.

Nicht zuletzt durch ihr Amt als Vorsitzende des Hamburger Literaturhauses hat die frühere Gerichtspräsidentin exzellente Kontakte. Mit Grass kam sie im Oktober auf der Trauerfeier für Siegfried Lenz ins Gespräch und fragte ihn, ob er nicht noch einmal in Schleswig lesen wolle. Seine Antwort: „Ja, wenn meine Gesundheit es zulässt.“ Damit war der Termin abgemacht. Görres-Ohde: „Ich habe Herrn Grass gesagt, das ist doch klar: Wenn Sie krank sind, dann fällt die Veranstaltung eben aus, das ist doch bei jeder Lesung so.“ Auch wenn man es bei einem 87-Jährigen nie genau wissen kann, ist sie zuversichtlich, dass nichts dazwischenkommt.

Grass zu gewinnen, war also gar nicht so schwer. Dabei baggern Görres-Ohde und ihre Vereinskollegen oft jahrelang, um gefragte Schriftsteller davon zu überzeugen, den Weg an die Schlei anzutreten. Bei Bestseller-Autor Bernhard Schlink zum Beispiel, der als Jura-Professor für einen Besuch im Gericht eigentlich prädestiniert wäre, ist es ihnen bis heute nicht gelungen.

Als kleinen Triumph verbucht es Görres-Ohde, dass Hanns-Josef Ortheil nach vielen Absagen für den kommenden Oktober endlich zugesagt hat. Auch zwei der im abgelaufenen Jahr am meisten gefeierten Autoren lesen 2015 im OLG: Lutz Seiler, dessen Roman „Kruso“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, und Saša Stanišic, der den Preis der Leipziger Buchmesse gewann.

Den Jahresauftakt indes bestreitet ein bisher nicht ganz so bekannter Schriftsteller: Christoph Peters. „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“ heißt der Roman, den er am Mittwoch, 14. Januar, ab 19 Uhr vorstellen wird. Anwesend ist dann auch der Keramiker Jan Kollwitz aus Cismar, ein Urenkel von Käthe Kollwitz und Erschaffer eines japanischen Kachelofens, der Christoph Peters zu seinem Roman inspiriert hat. Der Verlag beschreibt das Buch als „Lost in Translation an der Ostsee“: Einen berühmten japanischen Ofensetzer verschlägt es in ein schleswig-holsteinisches 740-Seelen-Dorf.

Wenn große Namen locken, sind die Lesungen im OLG meist in Windeseile ausverkauft. „Ich höre immer wieder Klagen, dass man ja sowieso nie an Karten komme, dabei haben wir oft auch noch Karten an der Abendkasse“, sagt Görres-Ohde. Die Lesung mit Christoph Peters könnte eine solche Chance für Kurzentschlossene bieten.

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