Gemeinsame Wurzeln

Während Malika Haidari (Vordergrund) noch Gemüse erntet, wird hinten schon genascht.  Fotos: Schnoor
1 von 2
Während Malika Haidari (Vordergrund) noch Gemüse erntet, wird hinten schon genascht. Fotos: Schnoor

Im „Garten der Kulturen“ in Steinbergkirche wächst der Zusammenhalt von Flüchtlingen und Einheimischen

von
15. November 2018, 13:39 Uhr

Der Garten liegt versteckt zwischen Häusern und Feldern. Aber die fröhlichen Stimmen sind schon zu hören, bevor Besucher den kleinen Teich am Amtsgebäude umrundet und auf schmalem Grasweg das grüne Paradies erreicht haben. Das liegt hinter einem großmaschigen Zaun – zum Schutz gegen gefräßige Wildtiere. Kräuter und Gemüse wachsen in Holz umrahmten Beeten, dazwischen wimmeln kleine und große Menschen, Frauen zumeist und Kinder, und mittendrin Klaus, ein älterer Herr in knallgelber Regenjacke, die „gute Seele“ von nebenan, um Rat und Tat nie verlegen.

Es ist November, Ende der Erntezeit im Garten der Kulturen. „Willkommen!“ sagt Helen Ströh, ein einladend-fröhliches Lächeln auf den Lippen. Neue Gesichter sind gern gesehen. Das ist zu spüren. Zwischen Zwiebel und Knoblauch, Rosmarin und Petersilie herrscht ein offener und im besten Sinne neugieriger Geist – ein guter Platz für Menschen aus verschiedenen Welten, die aufeinander treffen. „Ein Platz, der erdet, und wo du Wurzeln schlagen kannst“, findet Helen Ströh. Die Architektin ist ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv und gehört zu den Gründerinnen. 2017 entstand ihr „Garten der Kulturen“ in Steinbergkirche nach einer Idee, die im internationalen Frauentreff im Amt Geltinger Bucht geboren wurde. Die einheimische Ehrenamtlerin legte ihn mit Gleichgesinnten an, „einfach, weil ich den Menschen beim Ankommen helfen wollte.“

Angekommen – das sind viele Flüchtlinge im Kreis. Seit 2013 sind es weit mehr als 3000, mehrere Hundert von ihnen im Amt Geltinger Bucht. Sich hier zurechtzufinden, „das ist nicht leicht“, sagt Zowinar Kocharyan aus Armenien. Sprache, Menschen, Kultur, alles ist anders als Zuhause, folgt anderen Regeln. „Das ist sehr viel. Viel Ungewohntes, auch Unverständliches“, sagt sie aber „viel Hilfe“ gibt es auch, glücklicherweise.

Zowinar Kocharyan ist dankbar. Der Garten gebe ihr und den anderen eine gute gemeinsame Basis. Menschen, deren Familien schon lange im Angeliter Raum zuhause sind, sind mit derselben Begeisterung dabei, wie die, die sich langsam in ihrer neuen Umgebung zurechtfinden. In der Natur, in der Liebe zu Pflanzen sind sie gleichermaßen verwurzelt.

Hier im Freien, wo gemeinsam gegärtnert, gegessen und gefeiert wird, wo es Fühl-, Riech- und Schmeck-Beete für alle und abgeteilte Parzellen zur Selbstversorgung gibt, lernen Einheimische und Zugezogene viel voneinander. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Tschetschenien, Armenien – den verschiedensten Winkeln der Welt – „und natürlich aus dem Amt Geltinger Bucht“, sagt Helen Ströh. So entsteht ein Netzwerk, das einen Weg aus der Isolation weist. „Ich denke, es kann nicht genug Berührungspunkte geben“, findet Helen Ströh. „Verständnis beginnt mit dem persönlichen gegenseitigen Kennenlernen.“ So freut sie sich über Anerkennung und Förderung, die der „Garten der Kulturen“ bekommt – von der Gemeinde Steinbergkirche, die auch das Grundstück zur Verfügung stellt, von den Nachbarn und nicht zuletzt vom Bund und seiner Förderung unter dem Titel „500 Land Initiativen“. „Das haben wir für Material, Saatgut, einen Gärtner und einen Koch verwendet.“ Ein Gärtner und ein Koch gaben professionelle Hilfestellung und Impulse für gemeinsames Gärtnern und Genießen.

Nun werden in Steinbergkirche die letzten Früchte des Jahres geerntet und die Nachbarn zum Essen eingeladen. Dann ist Schluss für 2018. Aber im nächsten Frühjahr – „da wollen wir weitermachen“.


> Info zum Garten der Kulturen bei Helen Ströh: 01577 / 6485816

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen