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Volker Tüxen Besucht seinen Knochenmark-Spender : Gemeinsam die Leukämie besiegt

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

2013 ist Volker Tüxen (51) an Blutkrebs erkrankt: Jetzt hat er den jungen Mann kennengelernt, der ihm mit einer Stammzellenspende das Leben rettete

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erstellt am 03.Dez.2016 | 07:05 Uhr

Wie unterschiedlich die Blickwinkel manchmal sein können. Was für den einen, wie er sagt, nur „ein Klacks“ war, bedeutete für den anderen den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Viel mehr noch: Es war die Rettung seines Lebens. Aber so oder so – am Ende hat das Schicksal zwei Menschen zusammengeführt und auf ewig miteinander verbunden, die sich unter normalen Umständen wahrscheinlich niemals kennengelernt hätten.

Aber was sind schon normale Umstände, wenn man plötzlich vom Arzt eine Diagnose gestellt bekommt, die innerhalb weniger Sekunden das ganze Leben auf den Kopf stellt? Es war im November 2013, als Volker Tüxen erfuhr, dass er an Leukämie erkrankt war. Und schnell war klar: Nur eine Knochenmarkspende kann ihn retten. Nach Wochen voller Angst, Tränen und Ungewissheit bekam der Schaalbyer im Januar 2014 schließlich die erlösende Nachricht. Es gab einen passenden Spender. Der 28. Februar war dann der „Tag 0“, wie Volker Tüxen sagt. Damals erhielt er die Stammzellen eines zunächst noch anonymen Mannes. Inzwischen aber weiß er, wer ihm das Leben gerettet hat. „Zum Glück, denn ich habe durch diese Geschichte einen ganz besonderen Menschen kennengelernt.“

Tim Riedl heißt er. 23 Jahre alt, Student aus Hessen und „unglaublich bescheiden“, wie Volker Tüxen gleich mehrfach betont. „Er macht überhaupt kein großes Aufsehen daraus, dass er mir das Leben gerettet hat. Im Gegenteil. Für ihn war das offenbar ganz selbstverständlich“, sagt er.

Zwei Jahre lang hat es gedauert, bis die beiden sich endlich persönlich kennenlernen konnten. Das lag jedoch nicht an mangelndem Interesse, sondern vielmehr an den Regeln der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Die ist für das gesamte Prozedere einer Spende zuständig und hat, so wie es international Standard ist, einen Zeitraum von zwei Jahren festgelegt, in dem Spender und Empfänger nur anonymisiert Kontakt zueinander haben dürfen. Denn, so heißt es in den Richtlinien der DKMS: „Nach der erfolgten Stammzellspende ist der Spender zwei Jahre für ,seinen‘ Patienten ,reserviert‘ für den Fall, dass dieser erneut eine Spende benötigt. Danach nimmt die Wahrscheinlichkeit deutlich ab. ... Hätten sich Spender und Patient zu diesem Zeitpunkt bereits persönlich kennengelernt, wäre es für den Spender schwerer, frei und ohne emotionalen Druck zu entscheiden, ob er zu einer weiteren Spende bereit ist.“ Also haben sich Volker Tüxen und Tim Riedl zunächst zwar Briefe hin- und hergeschrieben, wussten aber nicht vielmehr voneinander, als dass sie beide erwachsene Männer sind. Im Februar 2016 änderte sich das, als sie jeweils darin einwilligten, sich persönlich kennenlernen zu wollen. Damals war Tim Riedl aber noch in Istanbul und verbrachte dort zwei Auslandssemester – und so kam es erst im September zum ersten Treffen. „Ich war schon etwas nervös, als wir am Schleswiger Bahnhof standen und auf ihn gewartet haben. Aber wir waren sehr schnell ganz vertraut miteinander“, erzählt Tüxen. Drei Tage habe Tim Riedl mit ihm und seiner Familie in Moldenit verbracht. Jetzt steht der Gegenbesuch bei der Familie des Psychologiestudenten in Rüsselsheim an. „Da freuen wir uns natürlich drauf. Tims Mutter ist genau mein Jahrgang“, sagt Tüxen, der betont, wie wichtig es ihm sei, dass diese, seine und Tims, Geschichte öffentlich bekannt wird. Denn: „Sie hat Vorbildcharakter.“

Das wiederum liegt auch daran, wie selbstverständlich der junge Mann von dem Prozedere erzählt, das er vor und während der Knochenmarkspende durchmachte. Er habe in einer Vorlesung gesessen, als plötzlich sein Handy klingelte. Unbekannte Nummer. Also ging Riedl vor die Tür und nahm ab. „Da wurde mir mitgeteilt, dass ich eventuell als Spender in Frage komme. Da rutschte mir schon kurz das Herz in die Hose“, erzählt der 23-Jährige, der sich bereits 2011 typisieren ließ, als die Schwester einer Freundin an Leukämie erkrankte. Nach dem Anruf folgten einige Untersuchungen, dann stand fest: Es passt! Eine Woche lang musste er sich ein Mittel spritzen, das die Stammzellenproduktion anregt. Am 27.  Februar 2014 fand dann die Spende in Köln statt. Ausgerechnet an Weiberfastnacht, wenn die ganze Rhein-Metropole in Feierstimmung ist. Und während sich die Freunde von Tim Riedl, bei denen er untergekommen war (um der DKMS die Hotelkosten zu ersparen), für die große Party fertig machten, setzte er sich in die Bahn Richtung Klinik, „umgeben von bunt kostümierten Feiernden“. Acht Stunden lag er danach im Bett, während sein Blut aus dem linken Arm durch eine Maschine lief, die die Stammzellen herausfilterte. „Eine breite Filmauswahl und ein eigener Flachbildfernseher haben mir das sehr erträglich gemacht.“ Als er die Klinik abends verließ, traf er einen Kurier im Flur: Er hatte sein Blut an Bord auf dem Weg Richtung Kiel, wo Volker Tüxen auf die wertvolle Fracht wartet. Tim Riedl hingegen fuhr zurück zu seinen Kumpels, am nächsten Tag habe er sich so fit wie immer gefühlt. Ein „Klacks“ eben.

Inzwischen ist eine Menge Zeit vergangen. „Es geht mir gut“, sagt Volker Tüxen, wenn man ihm nach seinem aktuellen Gesundheitszustand fragt. Und man sieht es ihm auch an, wenn seine Augen dabei leuchten. Bei der Kripo in Schleswig hat der ehemalige Süderbraruper Schutzpolizist nun wieder eine feste Stelle. „Es bedeutet mir viel, dass ich wieder arbeiten darf“, sagt er und lobt seinen Arbeitgeber. Aus dessen Reihen kam auch der Anstoß, der im Februar 2014 zur größten Typisierungsaktion geführt hat, die Schleswig je erlebt hat. Über 2000 Menschen ließen sich damals registrieren. Zwölf davon haben inzwischen Stammzellen gespendet – und damit, wie Tim Riedl, Leben gerettet.

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