zur Navigation springen

Mann-Biograph Tilmann Lahme in Schleswig : Geheimnisse einer Dichterfamilie

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Germanist und frühere Domschüler Tilmann Lahme las im Oberlandesgericht aus seinem Bestseller „Die Manns“.

von
erstellt am 04.Mai.2016 | 07:03 Uhr

In einem Gerichtssaal zu lesen, das hat schon in vielen Schriftstellern ein etwas mulmiges Gefühl ausgelöst, wenn sie der Einladung der Schleswiger Gesellschaft Justiz und Kultur in den Plenarsaal des Oberlandesgerichts folgten. Selten aber konnte einer der Autoren von so intensiven Verbindungen berichten wie Tilmann Lahme. Am Montagabend las der 40-jährige Germanist und Historiker aus seinem viel beachteten Buch „Die Manns. Geschichte einer Familie“, mit dem er es unter anderem auf die „Spiegel“-Bestsellerliste schaffte.

„Es fühlt sich für mich wie ein Heimspiel an“, sagte Lahme im ausverkauften Saal und berichtete, wie er früher als Domschüler jeden Morgen mit dem Bus aus Güby an dem mächtigen Gebäude vorbeikam. Jahre später dann begleitete er seine damalige Freundin und heutige Ehefrau zum juristischen Staatsexamen im OLG-Gebäude. „Wenn man hier nach fünf Stunden angstschweißgestählt wieder herausgeht, dann kann man es auch mit den Manns aufnehmen“, sagte Lahme, bevor er dann zum eigentlichen Thema des Abends kam – Thomas Mann, seine Frau Katia, ihre sechs Kinder Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael.

Die frühere Gerichtspräsidentin Konstanze Görres-Ohde hatte ihren einleitenden Worten sehr viel mehr aus dem Inhalt des Buches vorweggenommen, als sie es sonst zu tun pflegt, so viele spannende Anekdoten aus dem Leben der Manns fielen ihr ein. Es kommt selten vor, dass die Gesellschaft Justiz und Kultur einen Sachbuchautor einlädt und keinen Romanschriftsteller. Doch Tilmann Lahme scheint es gelungen zu sein, die Grenze zwischen beiden Genres zu sprengen. Auch im „Literarischen Quartett“ im ZDF, in dem sonst nur über Romane geredet wird, wurde seine Familienbiographie bereits besprochen. Höchst kontrovers übrigens, manche Kritiker fanden das Buch indiskret, weil Lahme einige Familiengeheimnisse ans Licht bringt. Die Mann-Sprösslinge erscheinen fast alle als verzogene Gören aus reichem Hause, und auch Patriarch Thomas Mann kommt nicht allzu gut weg, zum Beispiel als er Intrigen spinnt, um sich den Literatur-Nobelpreis zu sichern, oder als er eine reiche Gönnerin so lange mit Briefen bedrängt, bis sie ihm ein Anwesen an der kalifornischen Pazifikküste spendiert. Überhaupt zieht Lahme seine Informationen überwiegend aus Briefen, die die Familienmitglieder sich schrieben. „Ich weiß gar nicht, worauf spätere Biographen sich stützen sollen, wenn sie über uns schreiben. Vielleicht sollten wir alle unsere Whatsapp-Nachrichten aufbewahren“, meinte der ebenso selbstbewusst wie ironische auftretende Lahme.

Dass die Manns ihre Briefe so sorgfältig aufbewahrten, darin sieht der Autor die Bestätigung dafür, dass es legitim ist, nun ihr intimes Familienleben öffentlich auszubreiten. „Klaus Mann hat selbst gesagt: ,Man wird einmal Bücher über uns schreiben!‘ Er konnte kaum abwarten, dass es endlich so weit ist.“

Konstanze Görres-Ohde meinte, es gebe nur einen Grund, dieses Buch nicht zu lesen: „Mann kann es nicht jemandem empfehlen, der sich ein idealisiertes Bild von Thomas Mann bewahren möchte.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen