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Abgeknabberter Fang : Gefräßige Kormorane machen Fischern das Leben schwer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schleswiger Fischer klagen über immer mehr Verluste bei ihren Fängen – und hoffen auf Hilfe von der Politik

shz.de von
erstellt am 03.Okt.2017 | 18:03 Uhr

Schleswig | Dass der Barsch überhaupt noch lebt, grenzt an ein Wunder. Mitten in seinem Rücken klafft eine tiefe, blutende Fleischwunde. „Das ist kein Einzelfall“, sagt Jörn Ross, während er den zappelnden Fisch in der Hand hält. Gleich darauf präsentiert ein weiteres Exemplar, das ebenfalls ziemlich ramponiert aussieht. „Noch mehr Beispiele gefällig?“ fragt der Holmer Fischer und zeigt noch zwei Brassen und eine Plötze, deren Körper mit Wunden zu kämpfen haben. Es sei inzwischen schon zur Normalität geworden, dass ein Großteil seines Tagesfangs im wahrsten Sinne des Wortes angenagt ist. Von Kormoranen. Und genau das ist das Problem. Denn, so Ross: „Sie gelten weiterhin als gefährdete Art. Aber es gibt inzwischen so viele von ihnen, dass wir in der Schlei kaum noch marktfähige Fische fangen.“

Auch viele Aale und Heringe werden von Kormoranen angenagt und verenden oft an ihren Verletzungen.
Auch viele Aale und Heringe werden von Kormoranen angenagt und verenden oft an ihren Verletzungen. Foto: wim

Am Kormoran scheiden sich schon seit Jahren die Geister. Während Naturschützer davon ausgehen, dass der Vogel nur geringen Einfluss auf den Rückgang von Fischbeständen hat, sehen ihn Berufsfischer längst wieder als wichtigsten Nahrungskonkurrenten. „Es sind einfach zu viele“, sagt auch Jörn Ross und berichtet von rund 3000 der Tiere, die sich zurzeit allein an der Schlei aufhalten.

Im Frühjahr würde sich die Zahl regelmäßig sogar verdoppeln. „Mindestens“, betont er, „es können auch deutlich mehr als 8000 werden.“ Und die haben einen Mordshunger. Bis zu einem Kilo Fisch pro Tag würde ein Kormoran fressen, sagt Ross, ohne dabei zu verschweigen, dass einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass die Vögel nur bis zu 200 Gramm pro Tag vertilgen. „Aber wir sehen sie jeden Tag fressen und dazu kommt noch all das, was sie kaputt machen.“

Und das finden er und seine Kollegen immer öfter in seinen Netzen und Reusen. „Die Vögel tauchen nach unten und nagen die Fische an, ohne sie ganz auffressen zu können“. Das habe insbesondere Auswirkungen auf den Nachwuchs von Aal, Barsch und Co. „Es wird nichts mehr groß. Ich habe seit drei Jahren keinen maßigen Zander mehr gefangen, den ich verkaufen konnte“, sagt Ross und zeigt zum Beweis ein kleines Exemplar, das er am Morgen kopflos in seiner Reuse gefunden hat.

Dass die Vögel Teil der Natur sind, das sei auch ihm klar, betont der Ältermann der Holmer Fischer. „Das ist auch vollkommen in Ordnung und soll auch so bleiben.“ Aber es würden einfach immer mehr Kormorane, „und das ist dann nicht mehr gut“. Nicht allein, weil sie zu viel Fisch wegfressen. Sondern auch, weil deren Kot reichlich Schaden anrichtet, wie Ross’ Sohn Nils, der ebenfalls Fischer ist, betont. „Das Zeug stinkt und ätzt alles weg. Man muss sich nur mal die Halbinsel Reesholm ansehen, da wächst nichts mehr“, erzählt er.

Dieser Kormoran, der am Haddebyer Noor tot aufgefunden wurde, hat sich übernommen und ist an einer Maräne erstickt.
Dieser Kormoran, der am Haddebyer Noor tot aufgefunden wurde, hat sich übernommen und ist an einer Maräne erstickt. Foto: privat

Dabei würden die Vögel nicht einmal an der Schlei brüten, sondern ausschließlich zum Fressen hierher kommen. „Sie brüten in Skandinavien, Mecklenburg oder Holland“, weiß Ross. Da es auch dort – wie in ganz Europa – immer mehr Probleme mit den Kormoranen gebe, regt er an die Brut zu regulieren. Gleichzeitig müsse es noch viel verstärkter als bislang Vergrämungsmaßnahmen geben. Das allerdings hätte nur Erfolg, „wenn man auch den einen oder anderen abschießt, auch wenn das natürlich nicht gerade die populärste Maßnahme ist.“

Da Ross selbst den Jagdschein besitzt und Stadtjäger ist, übernimmt er diese Aufgabe selbst. Aber dafür braucht man eine Ausnahme-Genehmigung von der Unteren Naturschutzbehörde, da die Kormoran-Verordnung des Landes, die diese Frage normalerweise regelt, zurzeit überarbeitet wird. „Leider“, so Ross, „traut sich von den Politikern keiner richtig ran an das Thema.“ Dadurch, dass er in diesem Jahr bislang neun Vögel geschossen hat, werde sich das Problem aus seiner Sicht wohl nicht erledigen. „Aber es muss irgendetwas passieren, sonst wird es unseren Berufsstand an der Schlei bald nicht mehr geben.“

Dass man wie im 18. Jahrhundert das Militär einsetzt, um die Kormoran-Population einzudämmen, wünschen sich er und seine Kollegen aber auch nicht. Vor 100 Jahren war die Art dann nicht nur in Deutschland vom Aussterben bedroht. Inzwischen haben sich die Bestände erholt, so sollen in Westeuropa derzeit rund 450.000 Brutvögel leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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