zur Navigation springen

Wirtschaft im Kreis Schleswig-Flensburg : Gefangen im Mittelmaß

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Musik spielt im Süden. Der Norden hingegen dümpelt bei der wirtschaftlichen Entwicklung hinterher. So auch der Kreis Schleswig-Flensburg. Glücklich sind die Menschen trotzdem.

von
erstellt am 13.Dez.2016 | 16:00 Uhr

Schleswig | Wie zukunftsfähig ist der Kreis Schleswig-Flensburg? Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert? Und was bedeutet das für die Zukunft? Hier die richtige Perspektive zu finden, ist nicht leicht, denn im Grunde kommen verschiedene Studien auch immer zu unterschiedlichen Ergebnissen. Was soll höher gewichtet werden: die wirtschaftliche Dynamik? Die Zufriedenheit der Menschen? Die wirtschaftliche Dynamik? Eins ist bei aller Unterschiedlichkeit vielen Studien gemein: Im Ergebnis ist der Kreis Schleswig-Flensburg höchst mittelmäßig.


Glücksatlas


Eines vorweg: So unterschiedlich Herangehensweisen und Ergebnisse vieler Studien auch sind, das Empfinden der Menschen geht damit kaum konform. Dafür mag der Glücksatlas 2016 (Deutsche Post) dienen. Demnach erreichen die Deutschen international den neunten Rang, und im nationalen Vergleich sind die Schleswig-Holsteiner diejenigen, die mit ihrem Leben am zufriedensten sind. So etwas kommt nicht von ungefähr. In den Kategorien Wohnen und Freizeit liegt das Land auf Rang 2, bei der Gesundheit auf Rang 4, bei der Zufriedenheit mit dem Einkommen auf Rang 1, bei der Arbeitszufriedenheit auf Rang 11, aber immer noch knapp über dem Bundesdurchschnitt. Die Bayern kommen in keiner Kategorie über Rang 7 hinaus.


Focus-Studie


Und das ist unter rein ökonomischer Perspektive durchaus verwunderlich, denn sobald der Fokus auf wirtschaftliche Dynamik und Status quo gelegt wird, verkehrt sich dieses Bild zu einem eindeutigen Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle. Nehmen wir beispielsweise die jüngste Studie des Magazins Focus, die als klar wirtschaftsstärkste Region den Landkreis München ausweist. Der Kreis Schleswig-Flensburg belegt hier den 181. Rang – von 402 Kreisen und kreisfreien Städten. Dass in dieses Ranking auch die Lebensqualität und Sicherheit einbezogen wurde, macht deutlich, dass der Glücksatlas (siehe oben) deutlich anders gewichtet hat als der Focus. Der allerdings scheint sich bei der Beurteilung auch nicht so sicher zu sein. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich der Kreis von 2014 auf 2015 um 140 Plätze verbessern konnte?


IW-Regionalranking


Eine differenzierte Sicht bietet das Regionalranking 2016 des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Dieses fordert konkrete politische Schritte, damit sich die Kluft zwischen wirtschaftliche schwachen und starken Regionen nicht weiter verstärkt. Und dabei zählt der Norden fast in Gänze zu den Schwachen. Flensburg (397) und vor allem Neumünster (399) schaffen es unter Berücksichtigung von Wirtschaftsstruktur und Arbeitsmarkt sowie Lebensqualität nur unter die letzten Zehn. Und das, obwohl die Lebensqualität zu 49 Prozent in die Betrachtung mit einfloss. Zu verstehen ist dies, wenn man weiß, dass die Statistiker Lebensqualität unter anderem durch die Anzahl der Straftaten, die private Überschuldung, die Ärztedichte und die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen bestimmen.

Und wo steht der Kreis Schleswig-Flensburg in diesem Ranking? Insgesamt auf Rank 263. Zum Vergleich: Nordfriesland liegt auf Rang 191. Insgesamt macht sich vor allem die Unterrubrik Arbeitsmarkt mit Rang 366 negativ bemerkbar. Zu wenig Frauen in Beschäftigung, zu geringer Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter – das sind nach Angaben der Experten zwei wichtige Mängel. Bei der Wirtschaftsstruktur schafft es der Kreis immerhin auf Position 240, insbesondere die im Schnitt niedrigen Gewerbesteuersätze sorgen für eine Stabilisierung im Mittelfeld (Rang 121 von 402).

In Sachen Lebensqualität geht’s weit bergab. Nur 126 Ärzte auf 100  000 Einwohner – in dieser Kategorie nur Rang 331 (Bundesdurchschnitt: 169). Kurios mutet hier an, dass ausgerechnet beim Flächenkreis Schleswig-Flensburg der Anteil naturnaher Flächen an der gesamten Bodenfläche negativ ins Gewicht fällt – 2014 waren dies nur 13,2 Prozent, was Rang 380 bedeutet.


Prognos-Zukunftsatlas


Was heißt das für die Zukunftschancen? Mit dieser Frage befasst sich das Prognos-Institut in seinem Zukunftsatlas 2016. Die Studie betrachtet die Indikatoren Demographie, Arbeitsmarkt, Wettbewerb und Innovation sowie Wohlstand und Soziale Lage. Auf dieser Basis wird nach Stärken, Dynamik sowie dem Verhältnis von Chancen und Risiken differenziert. Der Kreis Schleswig-Flensburg landet im unteren Mittelfeld auf Rang 293. Allerdings gibt es einen Hoffnungsschimmer. Denn bei der Frage, wie sich der Kreis im Zeitverlauf entwickelt hat (Dynamik), landet er bei Prognos deutlich höher auf Rang 194.


IHK-Cluster


Und wie kann es tatsächlich bergauf gehen? Nach Ansicht der IW-Experten tun schwächere Regionen gut daran, gezielt in Zukunftstrends zu investieren und sich an zukunftsweisenden Förderprogrammen und Kooperationen zu beteiligen. So wie es auch die politisch Verantwortlichen im Kreis postulieren. Grenzüberschreitende Projekte will die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Wireg nach Angaben von Geschäftsführer Michael Otten forcieren. Die Industrie- und Handelskammern (IHK) im Norden empfehlen: Besonders bei den wirtschaftlichen Schwerpunkten „Maritime Wirtschaft“ und „Hafen und Logistik“ lohnt
eine engere Abstimmung der Landespolitik bis hin zu einer norddeutschen Clusterpolitik „aus einem Guss“ (Cluster = Netzwerk). Bei den schon länderübergreifend organisierten Clustern der Luftfahrtindustrie und den „Life Sciences“ bedarf es noch struktureller Optimierung. Erfolgversprechende Ansätze bieten die Erneuerbaren Energien und die Ernährungsindustrie.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen