Die Erbschaft aus Angeln : Gedanken über eine verlorene Kultur

Die Autorin aus Schleswig im Garten ihres Elternhauses: Früher wurde hier angebaut, wovon die ganze Familie lebte. Heute wachsen in den meisten Gärten lediglich  Blumen – eine bedauerliche Entwicklung, findet Marlies Jensen.
Die Autorin aus Schleswig im Garten ihres Elternhauses: Früher wurde hier angebaut, wovon die ganze Familie lebte. Heute wachsen in den meisten Gärten lediglich Blumen – eine bedauerliche Entwicklung, findet Marlies Jensen.

Die Holmer Fischerstochter Marlies Jensen will mit ihrem neuen Plattdeutsch-Buch an das glückliche Leben in Angeln erinnern – prangert aber gleichzeitig die heutige Konsumgesellschaft an.

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10. Juli 2014, 07:45 Uhr

Sie heißt Marlies Jensen, und doch auch Marlies Jensen-Leier. Leier ist ihr Ökelname, ein Beiname, der auf ihren Urgroßvater zurückgeht. Und mit diesem Namen, mit ihrer Familie, Vergangenheit und Heimat beginnt auch schon ihre Geschichte. Marlies Jensen ist Fischerstochter, wurde 1950 auf dem Holm in Schleswig geboren. 1977 ging sie fort, gelangte auf Umwegen nach Kiel, arbeitete dort im Landtag, zuletzt für Björn Engholm, und wohnte mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Umgebung. Vor acht Jahren kehrte sie zurück, lebt nun wieder in ihrem Elternhaus. Träume waren es, die sie an das erinnerten, was sie einst erlebte, die sie zurückholten. Eines Nachts im Jahre 1993 träumte sie plötzlich auf Plattdeutsch. „In meinem Kopf tauchten all diese Orte wieder auf“, erinnert sich die 63-Jährige. Orte ihrer Kindheit: der Holm in Schleswig, Böklund, wo ihre zweiten Großeltern lebten, Angeln. Seither lässt sie das Plattdeutsche nicht mehr los. Doch es ist nicht allein die Sprache, mit der sie sich auseinandersetzt. Mit der ganzen Kultur, die damit einhergeht, beschäftigt sich die freie Autorin in ihrem neuen Werk „Die Erbschaft aus Angeln“.

Sie kennt Plattdeutsch seit ihrer Kindheit, „ich bin damit berieselt worden“. Ihre Eltern und Großeltern, die Menschen, die sie umgaben, sprachen es. Mit ihr jedoch wurde Hochdeutsch gesprochen, weil sie ein Mädchen war. Diese sollten die „Sprache der Ungebildeten“ nicht verwenden. Sie selbst störte das damals nicht. „Plattdeutsch war mir peinlich.“ Umso erstaunlicher, dass diese Sprache sie vor 20 Jahren wieder packte. „Ich will den Klang dieser Kultur festhalten“, sagt Jensen, denn sie ist sicher, dass jene Welt mit ihren Menschen, Traditionen und „Atmosphären“ heute unwiederbringlich verloren ist. Ihr Buch ist demnach alles andere als eine reine Hommage an das Plattdeutsche. Sie bezeichnet ihr Werk als „Mein letztes Lied auf unsere alte Kultur“, übt darin viel Kritik an der heutigen Konsumgesellschaft und verdeutlicht dies am Untergang der Kultur in Angeln, „deren letzten Rest ich miterlebt habe“.

Sie erklärt: „Wir haben damals so gewirtschaftet, dass unsere Nachkommen noch davon leben können, waren uns unserer Verantwortung bewusst.“ Heute zähle das nicht mehr. Die Zufriedenheit, in der Menschen, als sie Kind war lebten, sei verschwunden. „Ich will das heutige Leben nicht schlecht reden, denke nicht, dass früher alle besser war, aber obwohl wir früher arme Leute waren, waren wir zufrieden, glücklich.“ Das alte Gefüge, das in den Dörfern in Angeln über Jahrtausende funktionierte, habe sich aufgelöst. „Heute haben viele Dörfer gar nichts mehr, keinen Kaufmann, keine Bäckerei. Die Dörfer, die Menschen, das Leben haben sehr an Lebendigkeit verloren“, so Jensen. Als ein Beispiel nennt sie die Holmer Fischer. Von einst 60 seien heute nur eine Handvoll übrig. Das Wasser sei immer schlechter geworden, es habe nicht mehr genug Fisch gegeben – und somit verschwanden auch die Fischer.

Der heutigen Gesellschaft insgesamt schreibt sie eine „maßlose Gier“ zu, sagt: „Auf Irrwegen von Wissenschaft und Technik hat menschliches Handeln ein Unmaß erreicht. Wir sind dabei, unseren Heimatstern zu zerstören.“ Man müsse ein Stück weit zu regionalen Strukturen zurückkehren, es sei möglich, das Leben wieder ein Stück weit „umzubauen“.

Das alles klingt sehr ernst, aber dennoch ist ihr Buch auch leicht und heiter. Auf vielen Seiten wird es sehr persönlich, gibt sie Einblicke in ihre Kindheitserinnerungen – in drei Versionen: auf Hochdeutsch, gleich auf der gegenüberliegenden Seite übersetzt auf Plattdeutsch, und schließlich sogar auf Angeliter Platt der 50er und 60er Jahre, das heute nur noch selten zu hören ist. Jensen beschäftigt sich – wie in anderen Werken – nebenbei auch mit der Frage, was das Plattdeutsche alles sagen kann, hat dessen Literaturfähigkeit nachgewiesen, indem sie unter anderem eine Erzählung von Franz Kafka ins Plattdeutsche übersetzte – wofür sie auch kritisiert wurde. In „Die Erbschaft aus Angeln“ stellt sie erneut fest: „Plattdeutsch kann alles sagen.“ In dem Buch gibt es auch Tabellen mit alten Ortsnamen wie Güby (Chüby), Jagel (Jochu) oder Taarstedt (Tooßdedt) oder früheren Bezeichnungen wie Post (Pust), Krug (Krooch) oder Tischler (Discher), und auch auf Sprachverwandtschaften geht sie ein.

Ihr Werk ist eine ungewöhnliche Mischung, enthält erstaunlich viel Stoff auf gerade einmal 128 Seiten. Dennoch wirkt es keinesfalls unvollständig, sondern gut überlegt und mit viel Herzblut geschrieben. Jensen ist dem Heute sehr zugewandt, betrachtet die Entwicklung der Gesellschaft aber mit großer Sorge. Ihr Beispiel aus Angeln, sagt sie, stehe „für unzählige verlorene Paradiese auf der ganzen Welt“.

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