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Lesung mit Sasa Stanisic : Gänsehaut in Fürstenwerder

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Saša Stanišic las im Oberlandesgericht Schleswig aus seinem preisgekrönten Roman „Vor dem Fest“.

von
erstellt am 11.Apr.2015 | 09:34 Uhr

Als Saša Stanišic anfing, Deutsch zu lernen, war er 14 Jahre alt. 1992 floh er mit seinen Eltern vor dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina nach Heidelberg. Mehr als 20 Jahre später ist er ein renommierter Schriftsteller, den Literaturkritiker ganz besonders für seinen virtuosen Umgang mit der deutschen Sprache feiern.

Am Donnerstagabend las er im Plenarsaal des Oberlandesgerichts aus seinem Roman „Vor dem Fest“, für den er im vergangenen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Stanišic bewies dabei, dass er nicht nur schreiben kann, sondern auch ein talentierter Entertainer ist. „Ich werde das Buch nun noch einmal lesen müssen“, sagte Gastgeberin Konstanze Görres-Ohde von der Schleswiger Gesellschaft Justiz und Kultur am Ende des Abends zum Autor. „Jetzt, als Sie daraus gelesen haben, kam es mir noch viel lustiger vor.“ Dabei enthält der Roman auch ernste Passagen. Zum Beispiel das erste Kapitel, das vom Tod des Fährmanns handelt, der die Dorfbewohner viele Jahre lang sicher über ihren See gebracht hatte. Nachdem er es vorgelesen hatte, sagte Stanišic: „Da kriege ich immer eine Gänsehaut, obwohl ich es selber geschrieben habe.“

Dass er die deutsche Sprache erst als Jugendlicher lernte, erahnten die mehr als 150 Besucher nur an seinem gerollten R und an dem S, das er auch am Ende eines Wortes so weich aussprach, wie es keinem Muttersprachler je gelingen wird.

In seinem Roman dringt Stanišic tief ein in die deutsche Seele. „Vor dem Fest“ spielt in einem Dorf in der Uckermark. Wie immer mehr Menschen wegziehen aus dem Ort und die Zurückbleibenden ahnen, dass in zwei oder drei Generationen niemand mehr übrig sein wird, das mag manchen Besucher auch an die entlegensten Ecken der Schleswiger Geest erinnert haben. „Es ist schön bei uns – aber nicht so schön wie woanders“, sagt eine der Hauptfiguren aus dem Roman.

Stanišic selbst, so erzählte er, hatte die Idee zu seinem Buch, als er vor einigen Jahren bei einem Heimatbesuch in Bosnien zusammen mit seiner Großmutter das Dorf seiner Vorfahren besuchte. „Da wohnten nur noch 13 Menschen, und alle waren alt.“ Auf die Uckermark kam er erst, nachdem ihm eine Freundin aus Berlin von der Gegend erzählt hatte. Stanišic tauchte ein in lokale Archive und hörte sich an, was die Menschen dort zu erzählen hatten. Ob Bosnien oder Brandenburg, das merkte er bald, macht keinen großen Unterschied. „Die Leute erzählen die gleichen Geschichten, nur dass sie hier Hans heißen und bei uns Hasan.“ Fürstenwerder, das Dorf, das sich Stanišic als Vorbild nahm, hat durch seinen Roman einen kleinen touristischen Aufschwung erlebt. „Dass jetzt Leute dahin fahren, weil ich drüber geschrieben habe, das kommt mir völlig absurd vor“, staunte der Autor.

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