Lokführerstreik : Gähnende Leere am Bahnhof

Kaum Kunden: Reinhard Lemke hatte gestern Nachmittag genug Zeit, um vor seinem Kiosk für Ordnung zu Sorgen.
1 von 2
Kaum Kunden: Reinhard Lemke hatte gestern Nachmittag genug Zeit, um vor seinem Kiosk für Ordnung zu Sorgen.

Schleswig: Nicht alle Fahrgäste können auf andere Verkehrsmittel ausweichen. Kioskbetreiber klagt über 70 Prozent weniger Umsatz.

von
06. Mai 2015, 07:16 Uhr

Von den Streiks der Lokführer hat Reinhard Lemke die Nase inzwischen gestrichen voll. Denn es ist nicht das erste Mal, dass der Betreiber des Kiosks im Schleswiger Bahnhof zu den unmittelbaren Opfern des Arbeitsausstandes gehört. „Für unser Geschäft ist das großer Mist. Hier ist ja nichts los. Das ist der reine Totentanz“, sagt Lemke und spricht von Umsatzverlusten von bis zu 70 Prozent. „Wenn das die ganze Woche so weiter geht, dann mache ich mittags zu.“

Tatsächlich: Gestern Nachmittag gegen 14.30 Uhr herrscht gähnende Leere rund um den Bahnhof. Viele Parkplätze sind frei, nur vereinzelt haben sich Fahrgäste in die ohnehin schon trostlos wirkenden Halle verirrt. An den Gleisen sitzt allein Lea-Sophie Tari in der Sonne. Eigentlich hätte ihr Zug Richtung Rendsburg gegen 14 Uhr fahren müssen. „Jetzt muss ich aber über eine Stunde warten. Das nervt natürlich schon. Ich will nach Hause“, sagt die junge Frau, die zurzeit in Schleswig eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht. Verständnis für den Streik der Lokführer, die unter anderem fünf Prozent mehr Gehalt und eine Stunde weniger Arbeitszeit pro Woche fordern, hat Tari nur bedingt. „Ich werde später sicher weniger Geld verdienen als ein Zugführer, kann dann aber auch nicht einfach die alten Menschen sitzen lassen und streiken.“

Osman Ali geht in seiner Kritik schon einen Schritt weiter. Seit 2001, so erzählt der gebürtige Libanese, lebe er jetzt in Deutschland. „Und seitdem höre ich immer wieder von Streiks bei der Bahn und bei den Lokführern. Das ist unglaublich. Da kosten die Fahrkarten sowieso schon so viel Geld und dann fallen die Züge auch noch ständig aus“, schimpft der Paket-Bote, als er sich ein Erfrischungsgetränk im Bahnhofskiosk holt.

Margret Möller hingegen braucht eher eine Zigarette – und zwar zur Beruhigung. Denn eigentlich wollte sie sich gestern auf den Weg machen, um ihre Tochter in der Schweiz zu besuchen. „Und zwar ausnahmsweise mal mit der Bahn.“ Daraus wird – zumindest diese Woche – nun aber nichts mehr. Allerdings habe ihr der einzige Mitarbeiter, der am Bahnschalter die Kunden betreut (und der gegenüber der Presse keine Auskunft geben darf), zumindest einen Alternativfahrplan für den kommenden Dienstag rausgesucht und die Fahrkarten entsprechend umgebucht. Verständnis für den Streik der Lokführer hat sie, auch unabhängig von ihrem persönlichen Ärger, nicht. „Man hat das Gefühl, dass es langsam schick wird.“ Kioskbetreiber Lemke hingegen nimmt GDL-Chef Claus Weselsky ins Visier: „Der will sich doch nur selbst profilieren und meint, er wäre der Größte. Das nervt inzwischen jeden.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen