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Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 11:42 Uhr

Böklund : Für mehr Sicherheit hinterm Steuer

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr zeichnet Verkehrslehrer Herbert Friedrichs mit der Senator-Lothar-Danner-Nadel in Gold aus. Der Böklunder reist seit Jahrzehnten mit einem Fahrsimulator durchs Land.

Herbert Friedrichs aus Böklund ist seit 46 Jahren ehrenamtlich für den Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr (BADS) tätig. Dafür erhielt der 75-Jährige jetzt die Senator-Lothar-Danner-Nadel in Gold – die höchste Auszeichnung für Mitarbeiter der bundesweit aktiven Organisation. Sie wurde erstmals in Schleswig-Holstein vergeben.

Friedrichs war Polizeihauptmeister im Bezirksrevier Schleswig, als seinem damaligen Polizeichef die perfekten Unfallskizzen des jungen Polizisten auffielen. Er bat ihn, für den BADS Schautafeln zu entwickeln. Die erstellte Friedrichs in Handarbeit und reiste von da an mit ihnen durch ganz Deutschland – immer in seiner Freizeit oder in seinem Urlaub.

Dann kam die Zeit des Fahrsimulators. Der rund 40 000 Euro teure Simulator „Foerst Car 10“ besteht aus dem Originalcockpit eines Mittelklassewagens und stellt die Fahrstrecken mit Ampelschaltungen und Gegenverkehr nach einem Zufallsprinzip zusammen. Friedrichs bat die Menschen hinter sein Steuer – allerdings nur Erwachsene. „Wenn ich einen Jüngeren in das Führen eines Pkw einweise, könnte er das auch an Opas Auto ausprobieren“, sagt er. Und dann hätte er sich strafbar gemacht.

Selbsterfahrung sei das Entscheidende bei diesem Test, sagt Herbert Friedrichs. Auf Bildschirmen wird eine drei Kilometer lange Fahrstrecke simuliert, die der Proband – nüchtern oder betrunken – durchfahren muss. Dabei werden seine Reaktionen gemessen und mit dem Vergleichswert seiner Altersgruppe in Relation gesetzt. In weiteren Läufen können die Auswirkungen von Alkohol und Drogen simuliert werden – auch ohne dass der Testfahrer selbst Alkohol getrunken haben muss. Die Lenkung wird dann schwammig. Reaktionen kommen verzögert. Tunnelblick stellt sich ein. Der Bremsweg verlängert sich. „Beim Fahren unter Alkoholeinfluss wird das Reh angefahren, für das in der Vergleichsfahrt der Bremsweg ausreichte“, erklärt der Verkehrslehrer.

Mit dem Simulator ist Friedrichs schon an allen möglichen Orten gewesen. Auch Diskotheken besuchte er und machte dort gemeinsam mit der Polizei Werbung für das Fahren ohne Alkohol, nicht immer mit Erfolg. Einmal schützten ihn nur seine Kollegen vor betrunken Discogängern, die seinen Simulator in Einzelteile zerlegen wollten.

Der 480 Kilogramm schwere Simulator wird in einem eigens dafür angefertigten Bus transportiert, in den eine Seilwinde eingebaut ist. Nur so schafft man es, den Simulator auf die Ladefläche zu bekommen.

Doch manchmal musste Friedrich auch zu ungewöhnlichen Hilfsmitteln greifen. Als für einen Großversuch das Testfeld im ersten Stock einer Schule war, wurde der „Foerst Car 10“ mit zwei Abschleppwagen von außen ins Klassenzimmer gehievt.

Auch Anekdoten weiß Friedrichs zu erzählen. So fährt er jährlich für vier Tage nach Goslar zu den Verkehrsgerichtstagen, bei denen vor allem junge Juristen den Simulator ausprobieren. Eine Gruppe aus einem exotischen Land – vermutlich Brunei – war besonders interessiert. Doch einer nach dem anderen baute bei der Testfahrt einen Unfall. Die Verständigung war schwierig. Erst relativ spät stellte sich heraus, dass in ihrer Heimat Linksverkehr galt. Darauf war der Computer nicht eingerichtet. Heute sind die meisten Testfahrer ältere Menschen. So war Friedrichs im September und Oktober bisher zehn Mal in Schleswig-Holstein unterwegs für die Aktion „Im Alter fit sein“.

Auch Lebenshilfe konnte er mit seinem Simulator bereits geben. Bei einer Aktion kam eine Frau zu ihm, die ganz verzweifelt war, weil sie sich beim Autofahren auf einmal so unsicher fühlte. Sie hatte das anfangs auf Medikamente geschoben. Ihr Arzt hatte ihr aber versichert, dass dies keine Auswirkungen haben könne und sie sich alles nur einbilde. Nach einer Testfahrt stellte der Simulator fest, dass ihre Reaktionswerte 40 Prozent unter den Vergleichswerten lagen. Mit einer entsprechenden Bescheinigung suchte sie ihren Arzt auf, dem wahrscheinlich heute noch die Ohren klingeln.

Als amüsant empfand Friedrichs die Trinkversuche mit Richtern und Staatsanwälten. Hierbei nehmen diese eine von einem Gerichtsmediziner vorher berechnete Menge Alkohol zu sich. Dann wird der Alkoholgehalt und -abbau im Blut gemessen. Vor Beginn des Tests machen sie eine Fahrt auf dem Simulator und später unter verschiedenen Promillewerten weitere Versuche. „Dabei kann jeder für sich selbst erkennen, welche Auswirkungen der Alkohol hat und wie er sich abbaut“, erklärte Friedrichs. Die Juristen seien stets verblüfft, wenn ihre Reaktionsfähigkeit dabei um bis zu 50 Prozent abnehme. Doch diese Versuche würden ihnen Sicherheit bei der Beurteilung von Verkehrsdelikten unter Alkoholeinfluss geben.

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erstellt am 22.Okt.2014 | 12:00 Uhr

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