zur Navigation springen

Feridun Zaimoglu in der Lornsenschule : Fruchtfliegen im Auge und fünf klopfende Herzen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Feridun Zaimoglu las in die Aula der Lornsenschule – und unterstützte damit die Stadtbücherei.

Er wolle die Zuhörer von Beginn an „einlullen“, sagte der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu vor seiner Lesung in der Aula der Lornsenschule. Die Einladung hatte der Förderverein Alibris ausgesprochen, um mit den Einnahmen der Stadtbücherei zu helfen – aus diesem Grund verzichtete Zaimoglu auch auf ein Honorar. Während er am Schreibtisch auf der Bühne vor dem rauschenden Mikrofon Platz nahm, murmelten die rund 40 Zuhörer zwar noch, doch sobald er das Wort ergriff, war es plötzlich mucksmäuschenstill.

Dabei kündigte er eine Planänderung an. Statt sich auf „eine Geschichte aus Rom“ zu konzentrieren, „die ich schon vor zwei Jahren hier gelesen habe“, wolle er – um den Eindruck eines einfallslosen Menschen zu vermeiden – „Fünf klopfende Herzen, wenn die Liebe springt“ und „Zwölf Gramm Glück“ lesen. Letzteres sei „eine Art Selbstporträt“, obwohl es ihm normalerweise peinlich sei, „über mich selbst zu reden“.

Mit gestenreicher Sprache las er aus „Fünf klopfende Herzen“ von einem Spaßverderber, der in 38 Tagen per Selbstmord aus der Gesellschaft gegelter Finanzoptimierer heraustreten wollte. Zwar hätte die Autofahrerin mit den blau-grünen Augen, die ihn mit ihrem Kotflügel zu Fall brachte, eine schöne Totschlägerin abgegeben, doch stattdessen vermochte sie etwas ganz anderes: Der Protagonist wandelte sich vom „Gelegenheitskomparsen zum potenziellen Liebhaber“. Während er noch in dieser Erkenntnis badete, befanden sich die Zuhörer längst im Bann der bildgewaltigen und kreativen Ausdrucksweise Feridun Zaimoglus. Sie waren tatsächlich eingelullt.

Bei der zweiten Ich-Erzählung intensivierte sich diese Atmosphäre noch. So manches Mal wurde über das schlau gewordene Türkenkind mit Fruchtfliegen im Auge geschmunzelt, das „aus freien Stücken Deutscher“ geworden war. Und statt Medizin zu studieren „schrieb ich mein erstes Buch – und endlich, es begann.“ So wie die hochinfektiösen Worte einst den Autor verkeimten, erging es den Zuhörern vor Ort nicht anders. Die in Worte gefasste Fantasie wurde an diesem Abend greifbar und legte sich wie ein Kokon um das Publikum, ehe Zaimoglu im geduckten Galopp vor der Tür eine rauchen ging.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen