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Schleswig-Flensburg : Friedhöfen geht die Kundschaft aus

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Viele Friedhöfe im Kreis Schleswig-Flensburg ächzen unter finanziellen Engpässen. Landflucht, demographischer Wandel und alternative Bestattungsformen lassen die Einnahmen sinken.

Seit dem dritten Jahrhundert nach Christi Geburt gilt das Bestatten der Toten im Christentum als zentraler Akt der Nächstenliebe. Als siebtes wurde es vom Kirchenvater Lactantius den Werken der Barmherzigkeit hinzugefügt. Noch heute betrachtet es die Kirche deshalb auch als ihre Aufgabe, Friedhöfe zu betreiben und zu pflegen, obwohl es eigentlich eine kommunale Aufgabe ist. Allerdings wird dies immer schwieriger. Der demographische Wandel und die Abkehr vieler Menschen von althergebrachten Bestattungssitten bringen auch im Kreis Schleswig-Flensburg viele Kirchengemeinden in wirtschaftliche Not.

Es ist noch gar nicht so lange her, da gehörte der Gang zum Friedhof als Selbstverständlichkeit zum Wochenende wie der Sonntagsbraten. Dort wurde der Toten gedacht, das Grab gepflegt, und ganz nebenbei war der Friedhof auch noch ein gepflegter Ort der Ruhe und Entspannung. Heute sind dort weniger Menschen anzutreffen. Zugleich werden die Lücken zwischen den Grabanlagen immer größer. „Früher gehörte ein Familiengrab einfach dazu – wie das Haus, das man in der Familie vererbte“, sagt Gesa Jäger-Volk vom Friedhofsverband Schleswig. Heute sei das anders. Selbst wohlhabende Familien sähen eine Grabestelle nicht mehr als repräsentativen Faktor. „Und der Gang zum Friedhof gehört als Ritual längst nicht mehr zum Alltag vieler Menschen.“

Die Bindung zum Grab lässt in dem Maße nach wie sich auch die familiären Bindungen in unserer Gesellschaft lockern. Folglich werden die traditionellen Grabstellen kleiner, alternative Bestattungsformen wie Urnenbeisetzung und Gemeinschaftsgräber sind auf dem Vormarsch. Pflegeleicht sollen die Gräber sein, damit die Nachkommen möglichst wenig Aufwand haben. Für die Friedhöfe hat das weit reichende Folgen.

Beispiel Schleswig: Schon im Jahr 2000 haben die Kirchengemeinden der Stadt einen Friedhofsverband gegründet, um die Arbeit effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Auch Flächen wurden bereits stillgelegt und verkauft. Wo auf dem Michaelisfriedhof Grabflächen nicht mehr benötigt wurden, ist inzwischen eine schmucke Neubausiedlung entstanden. Jäger-Volk: „Rein rechnerisch bräuchte Schleswig rund sieben Hektar, faktisch haben wir das Doppelte auf drei Friedhöfen.“

Und die Entwicklung nimmt weiter Fahrt auf. Je anonymer die Gesellschaft, desto stärker der Trend zu Urne, Gemeinschafts- und anonymen Gräbern, sagen Friedhofsexperten. Ursprünglich war diese Einschätzung vor allem auf Ballungsräume gemünzt, doch inzwischen gilt dies auch für den ländlichen Raum. So wurde bereits vor zwei Jahren in Treia und Silberstedt über „Leerstände“ auf den Friedhöfen geklagt . Im vergangenen Jahr habe es sich bei der Hälfte der 30 Beerdigungen um Urnenbestattungen gehandelt, hieß es jüngst im Kirchengemeinderat. Der Friedhof in der Holmer Straße in Treia sei schon zur Hälfte ungenutzt.

Wie dort klagte man auch in Jübek bereits vor einigen Jahren darüber, dass der Pflegeaufwand durch die vielen Freiflächen steige – und der Friedhofshaushalt ins Defizit rutsche. Noch können viele Dorffriedhöfe aus Einnahmen finanziert werden, weil längjährige Verträge für Grabstätten laufend Erlöse erbringen. Doch wenn diese Verträge auslaufen, erwischt die Trendwelle die Dorffriedhöfe durch demografischen Wandel und Landflucht wohl umso härter.

Auch von anderer Seite geraten die Friedhöfe unter Druck, nämlich in dem Maße, in dem alternative Bestattungsformen nachgefragt werden, Seebestattungen beispielsweise oder Begräbnisse in Friedwäldern. Gesa Jäger-Volk weiß: Friedhöfe, in deren Nähe Friedwälder eröffnet wurden, wie beispielsweise in Glücksburg und Kappeln, verzeichnen bis zehn Prozent weniger Begräbnisse – und entsprechend weniger Einnahmen.

Was können die Kirchen tun, um ihre Kleinode zu retten? Dem Schleswiger Beispiel folgen etwa oder jenem Eiderstedts, wo inzwischen 22 Gemeinden ihre Friedhöfe aus Kostengründen gemeinsam betreiben. In Kappeln und Umgebung wurden bereits erste Gespräche über die Schaffung eines Friedhofsverbandes geführt. Kappelns Friedhofsvorsteher Arno Carstensen: „Wir wollen unsere lose Kooperation in feste Strukturen gießen, damit wir unsere Mitarbeiter flexibel einsetzen können.“ Auch in der Nieharde setzen die Kirchen zunehmend auf Kooperation. „Das wäre auch im Friedhofsbereich denkbar“, sagt Pastorin Maike Borrmann aus Esgrus.

Gesa Jäger-Volk sieht auch im Marketing Potenzial. Es sei für die Kirche zwar noch ungewöhnlich, mit den eigenen Pfunden wuchern zu müssen. Dennoch: Die Strukturen auf den Friedhöfen müssten überplant werden. Es gelte, den Menschen moderne Komplettangebote nahezubringen – zum Beispiel Rasengräber mit Kopfbeeten. Attraktiv gestaltete Urnengemeinschaftsgräber kämen bereits jetzt gut an. „Wir müssen den Menschen einfach sagen können: Ihr müsst nicht in den Wald gehen, um ein pflegeleichtes Grab zu haben.“

Bei allem Bemühen lässt sich ein Trend ganz sicher nicht stoppen: Je weniger Menschen auf dem Land leben, desto weniger sterben. Somit lässt sich der wirtschaftliche Druck auch durch Kooperationen und noch so konkurrenzfähige Bestattungsformen nicht ewig abfedern. Letztlich, da ist sich die Expertin sicher, werde man wohl verstärkt die Kommunen heranziehen, um die Defizite der Friedhöfe auszugleichen. „Das wird leider die Zukunft sein.“ 

 

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erstellt am 25.Mär.2015 | 10:15 Uhr

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