Amtsgericht Flensburg : Freispruch für den gestrengen Marine-Ausbilder

<p>Erfolgreich plädiert: Verteidiger Christian Ascherfeld (links) mit seinem Mandanten am letzten Verhandlungstag auf der Anklagebank im Saal 214 des Amtsgerichts.</p>

Erfolgreich plädiert: Verteidiger Christian Ascherfeld (links) mit seinem Mandanten am letzten Verhandlungstag auf der Anklagebank im Saal 214 des Amtsgerichts.

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22. Mai 2018, 17:06 Uhr

Man hörte es – und man spürte es. „Der Prozess hat mich sehr mitgenommen“, sagte der zuvor sehr kontrolliert aufgetretene Angeklagte in seinem Schlusswort sichtlich bewegt. Und er habe sich, so fügte er hinzu, in der Ausübung seiner Tätigkeit auf dem Marineschulschiff „Taifun“ stets korrekt verhalten.

Der Marine-Ausbilder war angeklagt, zwei Offiziersanwärter körperlich misshandelt zu haben, mit denen er im September 2016 einen Törn in die dänische Südsee unternommen hatte.

Die Staatsanwaltschaft forderte gestern wegen Misshandlung in einem minderschweren Fall eine Geldstrafe von 3500 Euro. Das Gericht jedoch folgte dem Antrag der Verteidigung und sprach den Berufssoldaten J. frei. Ein Freispruch in einem Prozess, der von Widersprüchen, extrem gegensätzlichen Zeugenaussagen und Ungereimtheiten geprägt war.

Zu Beginn der Verhandlung tritt Hauptbootsmann B. in den Zeugenstand. Muskulös, hellwach und auskunftsfreudig. Ein Entlastungszeuge par excellence. Der 32-Jährige ist normalerweise als Wachführer auf der Gorch Fock stationiert. Fünf Tage lang war er als Co-Skipper von J. und seiner Crew, zu der fünf junge Kadetten zählten, auf See. Vor Gericht lobt er die fachlichen Qualitäten des Ausbilders über alle Maßen. „Ein Vollprofi.“ Die Anschuldigungen, er habe einen Gefreiten mit dem Fuß in den Rücken getreten, einem weiteren das Knie in den Rücken gerammt und ein anderes Mal mit der Hand in den Nacken geschlagen, bezeichnet er als „überzogen und haltlos“. Wenn so etwas passiert wäre, hätte er es bemerkt.

Richterin Theising spricht in ihrer Urteilsbegründung von einer „extrem schwierigen Entscheidung“. Die Abläufe seien sehr unterschiedlich geschildert worden. In der Tat gab es nicht nur gegensätzliche Zeugenaussagen, sondern auch gravierende Widersprüche zu vorher gemachten Angaben

Auch Staatsanwalt Thorkild Petersen-Thrö muss einräumen: „Die Widersprüche lassen mich sprachlos zurück.“ Sei anfangs noch die Rede von viel Gewalt, Alkohol und Beleidigungen gewesen, so stelle sich plötzlich ein ganz anderes Bild dar. „Das ist, als wenn zwei Filme parallel laufen“, sagt der Ankläger. „Aber wem glaube ich, wo liegt die Wahrheit?“

Die Richterin führt aus, es habe sich für sie nicht der Grad an Gewissheit ergeben, dass die Taten so oder ähnlich begangen worden seien. Sie gehe nicht davon aus, dass die Offiziersanwärter bewusst die Unwahrheit gesagt hätten. Die Zweifel jedoch ließen keine andere Möglichkeit zu, als den Angeklagten freizusprechen. Für sie stehe fest, dass es Körperkontakt im Grenzbereich gegeben habe. Aber Tritte oder Schläge ließen sich nicht verifizieren.

Das Aufeinandertreffen von Kadetten und Ausbilder sei ein „Zusammenprall von Welten“ gewesen. Auf der einen Seite 18-jährige Abiturienten, segelunerfahren, vielleicht zart besaitet und unbegabt, auf der anderen ein erfahrener Berufssoldat mit einem strengen bis autoritären Führungsstil. Ein eindeutiges Bild jedoch habe sich vor ihren Augen nicht aufgetan.

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