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Forensische Psychiatrie Schleswig : „Freigänge sind für die Therapie unverzichtbar“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Pro Jahr flüchten ein bis zwei Patienten aus der geschlossenen Forensik in Schleswig. Experten diskutieren über mögliche Gefahren bei Lockerungen im Maßregelvollzug.

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erstellt am 26.Okt.2017 | 10:52 Uhr

Schleswig | Was passiert, wenn Patienten der Forensischen Psychiatrie flüchten? Besteht dann eine Gefahr für die Bevölkerung? Das waren zentrale Fragen beim „Runden Tisch Forensik“ am Mittwoch in der Einrichtung am Neufelder Weg. Anlass waren zwei Fälle aus den vergangenen zwölf Monaten, die für Aufregung gesorgt hatten. Vor allem die Flucht eines 26-Jährigen, verurteilt wegen besonders schweren Raubes, hatte den Verantwortlichen im Februar Kritik eingebracht, weil die Öffentlichkeit erst sehr spät informiert worden war.

„Eine akute Gefährdung geht von den Entwichenen in den seltensten Fällen aus“, betonte Andreas Gehrke, Chefarzt und Leiter des Maßregelvollzugs, jetzt vor rund 20 Vertretern aus Politik, Verwaltung, Medizin, Justiz, Polizei und Sozialministerium. Und sollte dies zu befürchten sein, dann werde die Bevölkerung auch informiert. Priorität habe, dass der Entwichene schnellstmöglich von der Polizei gefasst werde, ergänzte Michael Morsch von der Fachaufsicht im Kieler Sozialministerium. Ob der Vorfall öffentlich gemacht werde, hänge von zu den treffenden polizeilichen Maßnahmen ab. Im Übrigen funktioniere die interne Kommunikation reibungslos, so Morsch. So seien im Fall des 26-jährigen Osteuropäers, der einen begleiteten Freigang zur Flucht genutzt hatte, sämtliche Behörden bis hin zu den Mitgliedern des Sozialausschusses des Landtags, informiert worden.

Eine Aussage, mit der sich Bürgermeister Arthur Christiansen nur bedingt zufrieden zeigte. Über diese Form des „Mauerns“ müsse gesprochen werden. „Es ist ja ganz prima, wenn der Sozialausschuss informiert wird“, aber er möchte als Bürgermeister doch auch Bescheid wissen, wenn aus der Forensik in seiner Stadt jemand „ausbricht“, wie er es zugespitzt nannte.

Einigkeit bestand darüber, dass Lockerungen im Maßregelvollzug „unverzichtbarer Bestandteil der Therapie“ seien, wie Chefarzt Gehrke ausführte. Die Freigänge erfolgten schrittweise: erst mit Begleitung, später dann auch tageweise in Form von Beurlaubung vom Maßregelvollzug. Dass Patienten die Lockerungen zur Flucht nutzen, komme pro Jahr ein bis zwei Mal vor. Die Zahl der Entweichungen liege in den forensischen Kliniken in Schleswig-Holstein (Schleswig und Neustadt) deutlich unter denjenigen in anderen Bundesländern, sagte Morsch. Einen richtigen Ausbruch habe es in den zurückliegenden Jahren nicht gegeben.

Auch sei der Job für die 115 Beschäftigten, die sich aktuell um 78 Patienten kümmern, nicht gefährlich. Zwar komme es auch schon mal zu körperlichen Übergriffen, dies aber in der Regel nur unter den Patienten selbst. Gehrke: „In der Hamburger U-Bahn zu fahren ist gefährlicher, als hier zu arbeiten.“

Der betreffende Osteuropärer sitzt übrigens nicht mehr in Schleswig hinter Schloss und Riegel. Nachdem er in Elmshorn aufgegriffen worden war (nachdem er mit seiner Flucht geprahlt hatte), wurde der Maßregelvollzug beendet. Er sitzt seine Strafe nun im Gefängnis ab.

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