Schlei-Klinikum : Forensik: Immer mehr psychisch kranke Straftäter

Erhoffen sich Personalverstärkung:  Chefarzt Dr. Michael Zapp (li.)  und Pflegedienstleiter  Marcus Weinhold. Foto: Bühmann (2)
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Erhoffen sich Personalverstärkung: Chefarzt Dr. Michael Zapp (li.) und Pflegedienstleiter Marcus Weinhold. Foto: Bühmann (2)

Derzeit über 90 Patienten im Hochsicherheitstrakt der Klinik / Wird der Personalschlüssel angepasst?

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28. Januar 2012, 07:08 Uhr

Schleswig | Eigentlich ist die Forensische Psychiatrie des Schlei-Klinikums auf insgesamt 64 Planbetten ausgerichtet. Doch die tatsächliche Zahl der eingewiesenen Straftäter liegt weitaus höher. Derzeit befinden sich dort 95 Patienten im Hochsicherheitstrakt am Neufelder Weg. Per Gerichtsbeschluss sind sie in die Forensik eingewiesen worden, da ihre Delikte, bis hin zu Mord, in Zusammenhang mit einer Sucht- und Drogenabhängigkeit oder auch einer psychischen Krankheit stehen.

Wurde nun aber angesichts vermehrter Einweisungen der straffälligen Patienten auch der Personalschlüssel in der Klinik angepasst? Und: Können die Beschäftigten in der Klinik überhaupt in ausreichender Sicherheit arbeiten? Insbesondere bei den Nachtdiensten, bei denen oftmals nur eine Person die Aufsicht über mindestens 20 Patienten zu führen hat. Die SN hakten nach bei Dr. Michael Zapp, Chefarzt der Forensik des Schlei-Klinikums, und Pflegedienstleiter Marcus Weinhold.

Der Chefarzt bestätigt die "Überbelegung". Sie habe sich seit dem vergangenen Sommer zugespritzt, erklärt er und verweist auf einen bundesweiten Trend. Denn es liege in der Entwicklung der Rechtsprechung, dass Aspekte der psychischen Erkrankung oder Suchtabhängigkeit zunehmend in das Urteil einfließen. Das bedeutet: Therapieangebote in psychiatrischen Kliniken kommen für diesen Täterkreis zunehmend in Betracht. Michael Zapp: "Dabei spielt für unsere Gesellschaft der Präventionsgedanke die entscheidende Rolle - nämlich die Hoffnung, dass nach der klinischen Behandlung keine Gefahr mehr von dem Täter ausgehen wird."

Verurteilte psychisch kranke und suchtabhängige Straftäter aus Schleswig-Holstein werden in die Forensische Psychiatrie (also in den Maßregelvollzug) in Schleswig und in Neustadt eingewiesen. In Neustadt/Ostholstein werden ausschließlich Männer mit schwerwiegenden psychischen Störungen behandelt, während in der Schleswiger Fachklinik für Forensik nur straffällige Männer mit Suchtproblemen zur Behandlung kommen. Außerdem ist die Schleswiger Forensik zuständig für alle verurteilten Frauen im Lande, bei denen Gutachten psychische und suchtabhängige Erkrankungen feststellen.

Haben manche Mitarbeiter des Pflegepersonals ein mulmiges Gefühl, wenn sie allein auf weiter Flur mit straffälligen Patienten zu tun haben? Chefarzt Dr. Zapp und Pflegedienstleiter Weinhold sehen dieses Problem nicht. "Der eine ist zwar ängstlicher, der andere weniger. Aber wir arbeiten seit 2010 in dem neuen Forensik-Klinikgebäude mit ausgeklügelten Sicherheitssystemen." Sollte ein Beschäftigter Unterstützung benötigen, sei diese "in Sekunden zur Stelle".

Die Zahl der Beschäftigten reiche derzeit nicht aus, sagte Zapp, aber eine baldige Entlastung werde kommen.

Oberster Dienstherr der forensischen Kliniken ist das das Sozial- und Gesundheitsministerium des Landes. Ministerialrat Willi Lüdemann, Leiter für den Maßregelvollzug des Landes, äußerte sich gestern auf Nachfrage der SN, ob eine Personalaufstockung in Sicht sei. "Ja, zusätzliche Stellen sind geplant, bis 2013 soll eine deutliche Personalverstärkung vorgenommen werden."

Darauf drängt auch Birte Pauls, SPD-Landtagsabgeordnete. Sie will am kommenden Montag eine "Kleine Anfrage" an den Landtag schicken. Dabei geht es ihr um die Offenlegung der Patienten-Entwicklung und des Personalschlüssels. Auch der Sicherheitsstandard für die Beschäftigten sei für sie ein wichtiges Thema.

Verdi-Bezirksleiterin Ute Dirks betonte gestern gegenüber den SN: "Auch wir haben ein Auge darauf, dass sich die Situation für die Beschäftigten schnell verbessert."

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