Interview mit Oberst Kristof Conrath : Fluglärm-Debatte in Jagel: „Ich wünsche mir mehr Verständnis“

Oberst Kristof Conrath an seinem Schreibtisch in der Kropper Kai-Uwe-von Hassel-Kaserne. Der 53-Jährige, geboren in Tailfingen (Baden-Württemberg), ist seit Anfang Juli Kommodore des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 „Immelmann“. Der verheiratete Vater von drei Kindern ist ausgebildeter Tornado-Pilot. Bevor er in den Norden kam, diente er drei Jahre lang im Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr in Köln.
Oberst Kristof Conrath an seinem Schreibtisch in der Kropper Kai-Uwe-von Hassel-Kaserne. Der 53-Jährige, geboren in Tailfingen (Baden-Württemberg), ist seit Anfang Juli Kommodore des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 „Immelmann“. Der verheiratete Vater von drei Kindern ist ausgebildeter Tornado-Pilot. Bevor er in den Norden kam, diente er drei Jahre lang im Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr in Köln.

Kommodore Kristof Conrath über die Beschwerden der Fluglärmgegner und den Auftrag seines Luftwaffengeschwaders.

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03. November 2017, 13:17 Uhr

Jagel | Im April dieses Jahres hat das Taktische Luftwaffengeschwader 51 „Immelmann“ mit der Ausbildung der Tornado-Piloten begonnen. Damit hat inzwischen auch die Zahl der Flüge spürbar zugenommen – zum Leidwesen vieler Einwohner in den Umlandgemeinden. Kommodore Kristof Conrath erklärt im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Alf Clasen, warum man die Anflugrouten kaum ändern kann.

Herr Conrath, die Beschwerden über den Fluglärm häufen sich. Haben Sie Verständnis für die betroffenen Bürger in den Umlandgemeinden des Fliegerhorstes Jagel?

Ja, natürlich habe ich Verständnis. Es ist klar, dass sich der Fluglärm spürbar erhöht hat. Im Juli – zufällig mit meiner Amtseinführung – hat der Drei-Umlauf-Betrieb begonnen. Gerade in der Sommerzeit hat sich dadurch abends ein Geräuschpegel eingestellt, der vorher lange Zeit nicht zu hören war. Die Leute haben plötzlich wahrgenommen, was es bedeutet, dass wir den Ausbildungsbetrieb von Holloman übernommen haben.

Ist denn dieser Drei-Schichten-Betrieb mit den damit verbundenen Flügen am Abend unausweichlich?

Ja. Es ist so, dass wir versuchen, mit den bestehenden Ressourcen so optimal wie möglich umzugehen. Ich habe nicht genügend Flugzeuge, um zwei große Umläufe tagsüber gestalten zu können. Dafür fehlt mir auch das Personal. Das heißt, ich muss die Flugzeuge teilweise dreimal am Tag benutzen.

Können Sie das konkretisieren?

Wir haben 34 Tornados, bald sind es 39, wenn wir alle aus Holloman übernommen haben. Da könnte man denken, dass es doch möglich sein muss, zum Beispiel zweimal zehn Maschinen am Tag zu stellen. Dem ist aber nicht so, denn ich habe ja nicht alle Flugzeuge tagtäglich zur Verfügung. Die gehen periodisch zur Inspektion in die Industrie oder sind hier vor Ort in Reparaturzyklen. Und wenn ein Flugzeug gelandet ist, müssen auch bestimmte Inspektionen durchgeführt werden, so dass dieses Flugzeug für den zweiten Umlauf gegebenenfalls gar nicht zur Verfügung steht, sondern erst wieder für den dritten Umlauf am späten Nachmittag eingeplant werden kann.

Macht sich da auch bemerkbar, dass der Tornado ein altes Flugzeug ist?

So konkret kann man das nicht sagen. Aber dadurch, dass die Tornado-Flotte in der Bundeswehr so klein geworden ist, sind auch Ersatzteile nicht mehr in so großem Maße verfügbar. Ein Beispiel: Es sind mehrere Stellregler für die Klimaanlage kaputt gegangen. Die sind nicht mehr im Verfügungsbestand und müssen jetzt gegebenenfalls aus anderen Maschinen ausgebaut, anderweitig beschafft oder extra hergestellt werden. Das nimmt Zeit in Anspruch. Und so stehen uns Maschinen wegen eines nicht vorhandenen Ersatzteils für längere Zeit nicht zur Verfügung.

Die Lärmgegner beschweren sich zudem, dass die Flugzeuge über geschlossene Ortschaften fliegen – und das, obwohl ihnen in der Vergangenheit etwas anderes gesagt worden sei.

Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Wir nutzen die gleichen Anflugwege, die seit langer Zeit etabliert sind. Dabei versuchen wir, die Ortskerne der benachbarten Gemeinden so weit es geht zu umfliegen. Das hat schon zu einem ziemlichen Zickzack-Kurs im Anflug geführt, den wir nicht noch weiter verkomplizieren können, denn hier gibt es klare Vorgaben. Präzisionsanflüge nach Instrumentenflugregeln sind nun einmal davon abhängig, dass lange Zeit ein gerader Anflug auf die Landebahn ermöglicht wird. Und das führt, von Osten kommend, zu einem Überflug von Fahrdorf. Unsere Anflüge nach Sicht hingegen verlaufen südlich von Fahrdorf. Was wir versprochen haben, ist, dass wir die Ortschaften, die sich im Anflugbereich befinden, nicht unterhalb einer Höhe von 1500 Fuß, das sind ungefähr 460 Meter, überfliegen. Daran müssen sich die Piloten halten.

Nun wurde der Vorwurf erhoben, dass es „Rambos“ unter den Piloten gebe, die die Regeln missachten. Haben Sie solche Leute in Ihrer Truppe?

Wenn es solche Rambos gäbe, würde ich dem sofort hinterhergehen. Wir machen nichts, was nicht in den Vorschriften steht. Da sind die Piloten sensibilisiert. Was aber passieren kann, ist dass ein Pilot zum Beispiel aufgrund der Wetterbedingungen aus Sicherheitsgründen seinen Flugkurs anpassen muss. Lärm empfindet man übrigens auch je nach Windrichtung und -stärke unterschiedlich.

Wie können Sie denn der betroffenen Bevölkerung entgegenkommen?

Die Anflugverfahren sind ziemlich ausgereizt. Dennoch werden wir sie nochmal auf den Prüfstand stellen. Versuchen wollen wir auch, in den Sommerferien 2018 auf die abendlichen Flüge zu verzichten. Aber wir können nicht sagen, dass wir im Sommer gar nicht mehr fliegen – dann kriegen wir unsere Sollstunden nicht mehr erfüllt. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass wir das alles nicht zum Selbstzweck machen. Wir sind nicht irgendeine Sportfliegertruppe, sondern wir haben einen klaren parlamentarischen Auftrag. Es muss doch eigentlich allen am Herzen liegen, dass wir unsere Piloten bestmöglich ausbilden. Wir schicken unsere Soldaten über viele Monate im Jahr in den Auslandseinsatz – sie verteidigen dort die Sicherheit Deutschlands.

Vermissen Sie das nötige Verständnis in der Bevölkerung?

Es fällt mir manchmal schwer, mich ständig für unser Tun rechtfertigen zu müssen. Da wünsche ich mir auch von den Fluglärmgegnern mehr Verständnis. Ich finde, dass unsere Geschwaderangehörigen Toleranz und Solidarität verdient haben. Und dazu gehört auch eine gewisse Leidensfähigkeit. Das ist der Beitrag, den jeder einzelne Bürger für die Sicherheit Deutschlands leisten kann. Und letztlich erreichen wir mit den zirka 1000 zusätzlichen Flugstunden nicht annähernd das Niveau von vor zehn Jahren.

Sind Sie mit der bisherigen Piloten-Ausbildung zufrieden?

Ja, ich bin sehr zufrieden. Auch wenn die Bedingungen natürlich ganz anders als in Holloman sind. Dort ist das Wetter besser und wir hatten mehr Platz. Aber wir haben hier mit den Fluggebieten über See um uns herum auch gute Trainingsmöglichkeiten. Übrigens viel bessere, als sie im anderen verbliebenen Tornado-Geschwader in Büchel herrschen. Dort in der Eifel ist in der Regel das Wetter schlechter, und die Lufträume sind viel weiter weg.

Sie sprachen die Auslandseinsätze an. Wie ist die Mission für Ihre Soldaten in Jordanien angelaufen?

Wir sind dort sehr gut aufgenommen worden. Die Unterbringung ist gut, es gibt Betreuungseinrichtungen für unsere Soldaten. Die Rahmenbedingungen für unsere Techniker und die Piloten sind ebenfalls gut.

Trotz der schwierigen klimatischen Bedingungen?

Wir müssen natürlich abwarten, wie das im Sommer aussieht. Es ist dort natürlich sehr heiß, aber durch die Überdachung der Abstellflächen für die Flugzeuge haben wir bereits für Schatten gesorgt. Die Flugwege in die Einsatzgebiete sind übrigens etwas kürzer geworden. Wir sparen zirka zehn Minuten.

Müssen Sie persönlich auch noch nach Jordanien?

Ja, ich werde ab Ende März 2018 für sechs Monate als Kontingentführer vor Ort sein. Als ich hier im Geschwader anfing, war mir klar, dass das auf mich zukommen wird. Ich halte den Auftrag dort für sehr sinnvoll.

Taktisches Luftwaffengeschwader 51: Drei Auslandseinsätze

Das Taktische Luftwaffengeschwader 51 „Immelmann“ aus Jagel/Kropp zählt etwa 1800 Dienstposten. Die Soldaten sind derzeit an drei Auslandseinsätzen beteiligt: Mit Aufklärungsdrohnen in Afghanistan und in Mali sowie mit aktuell einem Tornado-Jet in Al-Asrak.

Vom jordanischen Stützpunkt aus fliegen im internationalen Kampf gegen den „Islamischen Staat“ insgesamt vier Tornados Aufklärungsflüge über Syrien und dem Irak. Vom rund 200 Mann starken deutschen Kontingent in Al-Asrak kommen etwa 80 Soldaten aus Jagel. Zuvor war das Kontingent im türkischen Incirlik stationiert.

Seit April findet die Ausbildung der Tornado-Piloten in Jagel statt. Die Zahl der Flugstunden steigt damit laut Planungen von 1830 im vergangenen auf 2875 in diesem Jahr. Zuvor waren die Piloten in Holloman (US-Bundesstaat New Mexico) geschult worden.

 
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