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Schleswiger Nachrichten

25. November 2017 | 03:08 Uhr

Schleswig : Flüchtlinge zieht es in die Stadt

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Mehr als 200 Syrer, Iraker und Iraner sind seit Anfang vorigen Jahres aus dem Umland nach Schleswig gezogen – trotz schwieriger Wohnungssuche.

shz.de von
erstellt am 19.Jun.2017 | 14:14 Uhr

Zwei Jahre ist es her, dass Vanessa Dordani ihre iranische Heimatstadt verließ und Zuflucht in Deutschland suchte. Ihrer Familie erging es wie Hunderttausenden von anderen Flüchtlingen auch: Ihr wurde ein Wohnort zugewiesen. In ihrem Fall war es Scholderup, Gemeinde Taarstedt. Kaum mehr als 300 Einwohner. „In Scholderup gibt es nichts“, sagt sie. „Keinen Supermarkt, keine Schule, kein Sportverein, keine Kirche, kein Arzt.“ Im Iran lebte sie in Schiras, einer 1,5-Millionen Einwohner-Stadt mit 71 Buslinien und neuerdings sogar einer U-Bahn.

Vanessa Dordani war glücklich, in Deutschland zu sein, wo sie ohne Kopftuch auf die Straße gehen und ihren christlichen Glauben offen praktizieren kann. Aber für sie war schnell klar: In Scholderup wollte sie nicht bleiben. Inzwischen wohnt sie mit ihren beiden sechs und zwölf Jahre alten Söhnen in der Stadt. Sie ist kein Einzelfall. Unter den Menschen, die im Zuge der Flüchtlingswelle 2015 in den Kreis Schleswig-Flensburg gekommen sind, hat eine massive Landflucht eingesetzt. Von denjenigen, die ihren Wohnort innerhalb Schleswig-Holsteins inzwischen frei wählen dürfen, verlässt rund ein Drittel das Kreisgebiet. In der Regel zieht es sie in Ballungsräume, häufig nach Flensburg oder Kiel. Aber auch die Stadt Schleswig ist zum Anziehungspunkt für Iraner wie Vanessa Dordani, aber vor allem für Syrer und Iraker geworden. Nach Angaben des Einwohnermeldeamtes sind – gezählt seit Anfang des vergangenen Jahres – 188 Syrer und 46 Iraker aus dem Umland in die Stadt gezogen. Ebenso wie die Iranerin Vanessa Dordani haben die Angehörigen dieser beiden Nationalitäten meist inzwischen einen Aufenthaltsstatus, der es ihnen erlaubt, die Gemeinde zu verlassen, der sie anfangs zugewiesen wurden.

„Dass diese Menschen in die Stadt ziehen, das ist eine Tendenz, die wir definitiv beobachten“, sagt Jutta Just, die Koordinatorin der Flüchtlingshilfe in Schleswig und Haddeby. Sie sieht diese Entwicklung zwiegespalten. Sie kann verstehen, dass die Flüchtlinge sich in kleinen Dörfern verloren vorkommen. Sie erzählt von einer Familie, die kürzlich von Borgwedel ins deutlich größere Nachbardorf Fahrdorf gezogen ist. „Schon das war eine Riesen-Erleichterung für sie.“ Grundsätzlich ist Jutta Just aber der Ansicht, dass der Zusammenhalt auf den Dörfern mit den engen Kontakten unter Nachbarn für die Integration sehr wertvoll sind.

Dem widerspricht Vanessa Dordani nicht. „Die Menschen in Scholderup waren alle sehr, sehr nett“, sagt sie. Doch wer von den Vorzügen des Landlebens schwärmt, hat in der Regel ein Auto vor der Haustür stehen. Das haben Dordani und die meisten anderen Flüchtlinge nicht. Ihr Vermieter nahm sie regelmäßig mit, wenn er zum Einkaufen nach Schleswig fuhr. Eigenständig für sich sorgen zu können, war der Iranerin auf Dauer aber doch lieber.

In Schleswig hat sie intensiv nach einer passenden Wohnung für sich und ihre beiden Jungs gesucht. In der Nähe der Flensburger Straße wurde sie mit etwas Glück fündig. Andere haben da mehr Schwierigkeiten. Denn der Zuzug der Flüchtlinge aus dem Umland macht sich auch auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar. Das berichtet zum Beispiel Andrea Hanisch, eine Flüchtlingslotsin aus Tolk. Sie begleitet eine afghanische Familie, die in die Stadt umziehen möchte. Die rechtlichen Hürden für diesen Umzug, die für Afghanen höher sind als für Syrer, Iraker oder Iraner, hatte sie überwunden. Als sie schließlich eine Wohnung gefunden hatten, kam die böse Überraschung: Die Vormieter – ebenfalls Flüchtlinge – verlangten 150 Euro Abstandszahlung. „Das scheint inzwischen weit verbreitet zu sein“, sagt Andrea Hanisch. „Wenn sich die Flüchtlinge mit den deutschen Gepflogenheiten nicht auskennen, zahlen sie das, obwohl es gar keine Grundlage für die Forderung gibt.“

Syrische Familien hätten es bei der Wohnungssuche etwas leichter, meint Hanisch. Dabei kommt ihnen offenbar das gut ausgebaute Netzwerk unter ihren Landsleuten zugute. Dieses Netzwerk scheint ein zusätzlicher Faktor zu sein, der die Flüchtlinge nach Schleswig lockt. „Hier entsteht eine Infrastruktur, zum Beispiel mit speziellen Lebensmittelgeschäften“, sagt Stephan Asmussen, der Chef des Fachbereichs Regionale Integration in der Kreisverwaltung und Leiter der „Task Force für Flüchtlingsfragen“. Von einer Ghettobildung möchte er jedoch nicht reden. Ein weiterer Grund, den er für die Landflucht nennt: „Fast alle Syrer kannten gar kein Leben auf dem Lande, bevor sie zu uns kamen. Syrien ist sehr städtisch geprägt.“

Ob Schleswig für Vanessa Dordani auf Dauer städtisch genug ist, da scheint sie sich noch nicht ganz sicher zu sein. Derzeit besucht sie einen Integrationskurs. Sie möchte so gut Deutsch lernen, dass sie eine Universität besuchen kann. In Schiras studierte sie Luft- und Raumfahrttechnik. Das würde sie in Deutschland auch gern wieder tun.

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