BBZ Schleswig : Flucht in die Berufsausbildung

Am Weltflüchtlingstag: (von links) die Grünen-Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg mit den afghanischen Schülern Ali Azizi und Amir Farahi sowie Nerijus Grigas-Pluhar, DaZ-Koordinator am BBZ.
Am Weltflüchtlingstag: (von links) die Grünen-Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg mit den afghanischen Schülern Ali Azizi und Amir Farahi sowie Nerijus Grigas-Pluhar, DaZ-Koordinator am BBZ.

Zahlreiche junge Afghanen brechen ihren Sprachkurs am BBZ vorzeitig ab – um nicht abgeschoben zu werden.

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21. Juni 2018, 12:48 Uhr

Amir Farahi, 19-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, will eigentlich Altenpfleger werden. Seine Deutschkenntnisse reichen dafür noch nicht aus. Aber daran hat er gearbeitet. Bis jetzt. Nun verlässt er den Sprachkurs am Berufsbildungszentrum (BBZ) in Schleswig, um eine Bäckerlehre zu beginnen.

Er sieht darin für sich den einzigen Ausweg. Andernfalls müsste er damit rechnen, nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Ein entsprechendes Schreiben hat er bereits bekommen.

Amir Farahi ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es vor, dass ein Schüler den Sprachunterricht am BBZ abbricht, um sich in eine Ausbildung zu flüchten, sagt Nerijus Grigas-Pluhar, BBZ-Koordinator für den Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Denn wer sich in einer Berufsausbildung befindet, der ist in der Regel erst einmal vor Abschiebung sicher. Diese so genannte „Ausbildungsduldung“ hat der Gesetzgeber geschaffen, um sowohl den jungen Menschen als auch ihren Arbeitgebern Planungssicherheit zu geben.

Welche Folgen diese Regelung aber in der Praxis haben kann, das beschrieben Grigas-Pluhar und seine Kollegin Katrin Keden gestern am offiziellen Flüchtlingstag der Vereinten Nationen bei einem Besuch der Kieler Grünen-Bundestagsabgeordneten Luise Amtsberg. „Es führt dazu, dass unsere Schüler in die Berufsausbildung gehen, obwohl sie dazu noch gar nicht bereit sind.“

In der Backstube wird sich Amir Farahi wohl zurechtfinden. Aber kann er auch dem Unterricht in der Berufsschule folgen? Grigas-Pluhar weiß von anderen afghanischen Lehrlingen zu berichten, die ihre Ausbildung wieder abgebrochen haben, weil sie sich in der Schule überfordert fühlten.

Das DaZ-Zentrum in Schleswig hat 110 Schüler, weitere 50 sind es am Standort Kappeln. 70 Prozent von ihnen kommen aus Afghanistan. Durchschnittlich einmal im Monat hat es Grigas-Pluhar mit einem Schüler zu tun, der Deutschland verlassen soll.

Zwar schiebt Schleswig-Holstein derzeit niemanden nach Afghanistan ab. Dieser Abschiebestopp kann aber jederzeit aufgehoben werden, weiß auch Amir Farahi. Deshalb steht seine Entscheidung fest. Er verlässt das DaZ-Zentrum.

Der ebenfalls 19-jährige Ali Azizi darf zwar auch ohne Lehrstelle in Deutschland bleiben, er hatte kürzlich aber ein anderes Problem, von dem er Luise Amtsberg nun berichtete. Er hat den DaZ-Unterricht erfolgreich absolviert und spricht nun so gut Deutsch, dass er den Hauptschulabschluss abgelegt hat und am AV-SH teilnehmen möchte, einem Berufsschuljahr, das auf eine Ausbildung vorbereitet.

Im Ausländerrecht ist so etwas aber nicht vorgesehen. Das Sozialzentrum strich ihm und rund 20 weiteren DaZ-Schülern, die ins AV-SH wechseln wollten, die Leistungen. Ali Azizi hätte sich nun arbeitslos melden können. Dann hätte er Anspruch auf Sozialleistungen gehabt. „Ich konnte mir überlegen“, sagt er, „ob ich zu Hause die Decke anstarre und Geld fürs Essen habe – oder ob ich weiter zur Schule gehe“, sagt er.

Dieses Problem hat sich inzwischen gelöst, weil Landrat Wolfgang Buschmann sich einschaltete und dafür sorgte, das Ali Azizi und seine Mitschüler weiterhin ihr Geld bekommen. „Aber wir haben keine Rechtssicherheit, dass das in den nächsten Jahren auch so laufen wird“, sagt Grigas-Pluhar.

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