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Auf der Freiheit : Fahrräder für syrische Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Spenden-Aufruf des Freien Kultur- und Kommunikationszentrums hatte Erfolg: Die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge, die auf der Freiheit wohnen, haben jetzt Fahrräder.

„17 Stück? Ernsthaft?“ Rüdiger Tietz fragte lieber nochmal nach, ob er sich bei der Zahl an gespendeten Fahrrädern für syrische Flüchtlinge nicht verhört hatte. Doch als ihm einer der Initiatoren der Aktion, Arne Olaf Jöhnk, die Zahl bestätigte, strahlte er: „Das ist ja Wahnsinn.“ Gemeinsam mit dem Team des Freien Kultur- und Kommunikationszentrums (FKKZ) engagiert er sich für Menschen aus Syrien, die vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Schleswig geflohen sind. Angesichts der „erfolgreichen Aktion“ scherzte Jan Friedrich Dünne vom FKKZ: „Dann können wir ja jetzt einen Fahrradverleih an der Schlei aufmachen.“

Dabei hat die Aktion durchaus einen ernsten Hintergrund. Denn wenn die Syrer in Deutschland ankommen, besteht ihr Gepäck aus kaum mehr als der Kleidung, die sie am Leibe tragen. „Ich habe neulich drei Syrer abgeholt und gefragt, wo ihr Gepäck sei. Dabei war jeweils ein kleiner Rucksack alles, was sie dabei hatten“, sagte Arne Jöhnk. Sie hätten ewig dieselben Sachen angehabt, „das kann man kaum glauben“. Derzeit sind 15 Flüchtlinge in alten Kasernengebäuden in direkter Nachbarschaft zum FKKZ untergebracht, von denen viele bei ihrer Ankunft vom Kreis Schleswig-Flensburg lediglich mit zehn Euro im Portemonnaie ausgestattet worden seien. Da ist Soforthilfe gefragt. „Die drei Syrer hatten seit Stunden nichts gegessen, dann bin ich erstmal zu Aldi gefahren und habe für jeden eine Tüte mit Lebensmitteln gefüllt“, sagte Jöhnk. Um nichts falsch zu machen, besorgte er ausschließlich vegetarisches Essen. „Schließlich sind viele der Syrer gläubige Muslime, die kein Schweinefleisch essen.“

Nach diesen ersten Hilfestellungen sind weitere Maßnahmen erforderlich, um die Menschen bei der Eingewöhnung und dem Ankommen in ihrer neuen Umgebung zu unterstützen. Aus diesem Grund wurde nicht nur der Kontakt zur islamischen Gemeinde im Friedrichsberg hergestellt – „einige haben auch schon am Freitagsgebet teilgenommen“ – sondern auch die Mobilität soll gefördert werden.

Da aber beispielsweise Monatskarten für das Schleswiger Busnetz angesichts einer finanziellen Zuwendung von 354 Euro im Monat unerschwinglich sind, bietet das Radfahren eine kostengünstige Alternative. So können die Menschen nicht nur den Sprachkurs erreichen, sondern auch Supermärkte, Ärzte, Behörden und Freunde. Vor diesem Hintergrund wurde die Idee geboren, Fahrräder zu sammeln und unter den Flüchtlingen zu verteilen. Ergänzend dazu sind auch Felgen, Mäntel und Luftpumpen als Spenden willkommen. „Zufällig befindet sich unter den Syrern ein Zweiradmechaniker“, erklärte Jöhnk, der könne die Fahrräder bei Bedarf reparieren.

Bevor die gesammelten Fahrräder zum Einsatz kommen, werden sie einer Inspektion unterzogen. Dabei werden altersschwache Drahtesel aussortiert – und davon gab es einige. „Andere sind wieder sehr hochwertig, so dass wir gute Fahrradschlösser brauchen“, ergänzte Thies Mielke, der sich zusammen mit dem FKKZ-Team für die Aktion engagierte. Jöhnk bekräftigte dies, schließlich sei einem Flüchtling erst kürzlich sein Fahrrad am Gallberg gestohlen worden.

Ebenso wenig Verständnis wie für Fahrraddiebe zeigten sie für einige negative Kommentare, die nach ihrem Spendenaufruf zu lesen oder hören waren. So erinnerte sich Mitorganisator Michael Ostrowski, der zugleich als Hausmeister für die Unterkünfte der Flüchtlinge zuständig ist, an folgende Aussage: „Ich brauche auch ein kostenloses Fahrrad, wer bringt mir denn eins?“ Andere hätten daraufhin schlagfertig geantwortet: „Ich habe zwei Fahrräder, du kannst gerne vorbeikommen und dir eins abholen.“ Darüber hinaus würden sich einige Schleswiger sogar darüber wundern, dass plötzlich Syrer in Schleswig zu finden seien: „Die lesen gar keine Nachrichten und informieren sich nur auf Facebook.“

Dieser Minderheit stünden jedoch engagierte Mitbürger gegenüber, die schon bei der Abgabe der Fahrräder weitere Spenden anboten. Zudem bildet sich in Schleswig derzeit ein Netzwerk aus kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Institutionen sowie ehrenamtlichen Helfern, die sich gemeinsam für Flüchtlinge einsetzen. Und der Bedarf wird in naher Zukunft sicherlich weiter zunehmen, „denn die derzeitige Ansage ist, dass weitere syrische Flüchtlinge kommen werden“, so Jöhnk. Darauf sei man vorbereitet, denn in der Pionierstraße 20 stünden frisch gestrichene und voll möblierte Räume zur Verfügung, die im vergangenen Jahr während einer Großübung noch von der Bundeswehr genutzt wurden. „Wenn die Gebäude bewohnt und beheizt sind, ist uns das lieber, als wenn Leerstand herrscht“, meinte Jöhnk dazu.

Und sobald die Neuankömmlinge Schleswig erreicht haben, ist ab sofort erstmal sicher gestellt, dass sie ein Fahrrad zur Verfügung haben. Denn neben den 17 Fahrrädern, die derzeit auf der Freiheit eingelagert sind, gibt es noch eine Liste mit Adressen, an denen weitere Fahrräder abgeholt werden können.

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