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Vom Backwaren-Verkäufer zum Elektro-Installateur : „Es war ein steiniger Weg“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel setzt die Arbeitsagentur auf Umschüler wie Gunnar Frank.

von
erstellt am 13.Feb.2017 | 06:57 Uhr

Handwerker werden dringend gesucht. Aber Jugendliche kommen oft nicht einmal ansatzweise auf die Idee, eine Lehre als Maurer, Dachdecker, Straßenbauer oder Elektriker zu beginnen. Gunnar Frank ist dafür ein gutes Beispiel. Er machte nach dem Realschulabschluss eine schulische Ausbildung zum Fachinformatiker. „Ich hatte immer gern mit Computern gespielt“, sagt er. Die eher praxisferne Ausbildung aber, das merkte er schnell, hielt nicht das, was sie ihm anfangs zu versprechen schien.

Seither sind mehr als zehn Jahre vergangen. Gunnar Frank ist 29 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat beruflich noch einmal ganz von vorn angefangen – und das mit Erfolg. Er hat seine Lehre zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik (früher hieß es: Elektriker) als Innungsbester abgeschlossen und bereitet sich bereits darauf vor, in zwei Jahren die Meisterprüfung zu machen. Von seinem Ausbildungsbetrieb Elektro Jessen in St. Jürgen ist er nach der Ausbildung übernommen worden – mit einem unbefristeten Vertrag.

Kai-Ingwer Bendixen, der Geschäftsstellenleiter der Arbeitsagentur in Schleswig, sieht in Gunnar Frank ein Musterbeispiel für die Strategie der Agentur, mit Umschulungen den Fachkräftemangel zu bekämpfen. „Wir nehmen für Qualifizierungsmaßnahmen eine Menge Geld in die Hand“, betont er. 6,6 Millionen Euro sind es für den Bereich der Flensburger Arbeitsagentur, zu dem auch die Kreise Schleswig-Flensburg und Nordfriesland gehören. Das reicht für 800 Personen. Im Fall von Gunnar Frank bedeutete die Unterstützung: Die Arbeitsagentur hat sein Auszubildenden-Gehalt so weit aufgestockt, dass er monatlich 400 Euro mehr auf dem Konto hatte als mit seinem letzten Arbeitslosengeld. Außerdem gab es Fahrtkostenzuschüsse für den Weg in die Berufsschule und Unterstützung für die Kinderbetreuung.

Trotzdem: „Es war ein steiniger Weg“, sagt Frank. Dass er wieder die Schulbank drücken musste, war dabei das geringste Problem. Obwohl: „Es war schon eine kleine Umstellung. Im persönlichen Verhältnis zu Mitschülern und Lehrern an der Berufsschule fühlte ich mich irgendwie zwischen den Stühlen.“ Ähnlich war es im Betrieb, wo er es mit gestandenen Gesellen zu tun hatte, die zum Teil jünger waren als er selbst. Die größte Herausforderung aber war, die Umschulung – die von offizieller Seite so gepriesen wird – überhaupt bewilligt zu bekommen. Wäre der junge Familienvater nicht so beharrlich gewesen, er wäre wohl irgendwo im Behördendschungel stecken geblieben. Zuletzt arbeitete er als Filialleiter einer Backwaren-Kette in Dithmarschen. Dort trennte man sich „im gegenseitigen Einvernehmen“.

Die Arbeitsagentur in Heide bewilligte ihm bald eine Umschulung zum Elektriker. Gunnar Frank schrieb Bewerbungen – und bekam schnell eine Zusage von Holger Jessen aus Schleswig. Aus familiären Gründen wollten er und seine Frau gern an die Schlei.

Der Haken: Für Schleswig galt die Zusage aus Heide nicht. Hier geriet Gunnar Frank in die Zuständigkeit des Sozialzentrums. Dort wollte man ihn lieber in eine Aushilfstätigkeit im kaufmännischen Bereich vermitteln und sah keine Notwendigkeit für eine Umschulung. Gunnar Frank marschierte auf eigene Faust zur Arbeitsagentur und stieß mit seinem Anliegen bei Beraterin Carmen Schielke auf offene Ohren. So klappte es doch noch mit der Umschulung.

„Das Sozialzentrum und wir verfolgen vielleicht nicht immer dieselben Ziele“, sagt Schielke. „Bei uns geht es nicht darum, dass die Leute schnell aus dem Leistungsbezug herauskommen, sondern es geht um Nachhaltigkeit.“ Und da verspreche eine Umschulung zur Fachkraft allemal mehr Erfolg als die Vermittlung in eine Tätigkeit, die wenig Qualifikation erfordert und möglicherweise schnell wieder beendet sei.

„Die Nachfrage nach ungelernten Kräften geht ständig zurück, der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften steigt hingegen ständig an“, meint auch Kai-Ingwer Bendixen. Er betont, dass die Arbeitsagentur inzwischen Weiterbildungen nicht mehr nur für junge Menschen finanziere. „Auch wer 60 ist und noch sieben Jahre Berufsleben vor sich hat, hat Chancen“, sagt er. Dabei geht es dann allerdings nicht mehr um eine komplett neue Berufsausbildung, sondern um Zusatzqualifikationen, die es möglich machen, körperlich weniger belastende Tätigkeiten auszuüben, wenn die ersten altersbedingten Beschwerden auftreten.

Auch würde Holger Jessen wohl keinen 60-jährigen als Lehrling einstellen. 30-Jährige aber seien oft sogar motivierter als Jugendliche. Darin ist sich der Firmenchef mit Arbeitsberaterin Carmen Schielke einig, die sagt: „Junge Männer kommen oft nicht an ihr Entwicklungspotenzial heran. Erst mit 25 oder 30 Jahren kommt die Motivation, wenn sie erkennen, dass sie nicht ihr ganzes Berufsleben als ungelernte Hilfskraft verbringen wollen.“

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