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Flüchtlingskrise in SH : Erstaufnahmerlager Eggebek : „Der Zeitplan ist völlig unrealistisch“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Hier sollen bereits Mitte November statt 500 nun 1000 Flüchtlinge aufgenommen werden. Vertreter der Gemeinde fühlen sich allein gelassen.

So ganz überraschend kam die Nachricht nicht. Vorgestern klingelte bei Eggebeks Bürgermeister Willy Toft das Telefon. Es meldete sich Manuela Söller-Winkler, Staatssekretärin im Kieler Innenministerium und derzeit vor allem mit Flüchtlingsfragen beschäftigt. Ihre Botschaft: In der geplanten Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Gelände des ehemaligen-Flugplatz-Tanklagers werden nicht wie bisher vorgesehen 500, sondern mindestens 1000 Menschen untergebracht. Und das sei möglicherweise noch nicht einmal die endgültige Zahl.

Toft hatte so etwas offenbar schon geahnt. Noch vor wenigen Tagen hatte er in einer Beschreibung der Situation orakelt, dass es angesichts des Flüchtlingszustroms ja durchaus denkbar sein, dass die Container nur wie vorgesehen mit zwei Betten ausgestattet werden.

Der Anruf aus dem Innenministerium brachte nun eine Gewissheit, die den Bürgermeister der 2300-Einwohner-Gemeinde auch 24 Stunden später immer ratlos machte. „Eigentlich ist das eine Katastrophe“, sagte Toft. Seine Sorge bezieht sich in erster Linie darauf, dass die freiwilligen Helfer mit der Situation sehr schnell überfordert sein könnten. „Wo sollen all die Freiwilligen überhaupt herkommen?“

Aber es gibt auch noch eine andere Sorge, die Willy Toft bewegt. „Das vorgesehene Gelände ist sehr begrenzt und liegt in unmittelbarer Nähe des Dorfzentrums. In den Containern sind Menschen untergebracht, die hier mindestens sechs Wochen lang weitgehend beschäftigungslos aushalten müssen, ohne Abwechslung zu haben. Wie sollen diese Menschen ruhig gehalten werden? Mit Spaziergängen auf dem Flugplatzgelände ist es nicht getan.“

Vor diesem Hintergrund fordert der Bürgermeister, dass das Land ausreichend Personal zur Betreuung zur Verfügung stellt. „Ich hoffe dringend, dass die Verdopplung der Personenzahl ihren Niederschlag auch im Personalschlüssel der Betreuer findet“, so Toft.

„Möglichst bald, vielleicht schon Mitte November“, hatte die Staatssekretärin auf die Frage zum Eröffnungstermin geantwortet. Für den Eggebeker Bürgermeister eine völlig unrealistische Einschätzung. „Es muss eine Zufahrtsstraße gebaut werden, damit die Container überhaupt aufs Gelände kommen. Und dann die Frage: Wo sollen die alle hin. Das geht doch gar nicht.“

Nachdem die Staatssekretärin gestern im Radio erneut Mitte November als Termin genannt hatte, platzte Toft der Kragen. „Wissen die gar nicht, was hier los ist? Die können doch nicht alles mit uns machen. Wenn man uns die Menschen schickt, ehe der Platz wirklich fertig ist, fahre ich sie eigenhändig mit dem Bus zurück nach Kiel.“

Der Eggebeker Bauausschuss-Vorsitzende Helmut Werth wies ebenfalls auf die Enge des Platzes hin und erklärte, dass alle Verträge auf 500 Flüchtlings ausgerichtet sind. „Man kann die Container nicht plötzlich mit vier Menschen belegen, wenn sie für zwei ausgelegt sind.“

Auch der Brandschutz, für jeden Privatmann und jede Gemeinde bei Verletzung der Bestimmungen ein K.o.-Kriterium, ist auf 500 Menschen festgelegt. „Wir wollen ja gern helfen“, sagte Werth, „zurzeit aber werden wir überrollt und überfordert“.

Kai Schmidt, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes, hatte Freitagnachmittag noch nichts von der neuen Entwicklung erfahren. Seine Organisation hat mit dem Land Schleswig-Holstein einen Vertrag über die Betreuung der Flüchtlings in Eggebek geschlossen. „Wir wollen eine richtige Willkommenskultur entwickeln“, so Schmidt.

Die Aufgabe beinhaltet unter anderem die Begrüßung, die Betreuung im Alltag und Hilfe beim Asylverfahren. Dafür wurden bereits zum 1. September hauptamtliche Kräfte eingestellt, die zurzeit in Boostedt, Seeth und Rendsburg hospitieren und wichtige Erfahrungen sammeln. „Vielleicht können wir so Fehler vermeiden, wenn der Betrieb in Eggebek beginnt. Das Personal ist zahlenmäßig allerdings auf die Betreuung von 500 Menschen ausgerichtet. „So steht es im Vertrag – und ich habe noch keine neuen Erkenntnisse“, sagte Schmidt gestern.

Es sei zwar theoretisch möglich, weiteres Personal zu akquirieren, aber das könne einige Zeit dauern, weil zuvor noch ein neuer Vertrag mit dem Land geschlossen werden müsse.

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erstellt am 24.Okt.2015 | 07:40 Uhr

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