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Kirche auf dem Land : „Erst war der Kaufmann weg, dann die Bank, jetzt die Kirche“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Aufregung auf dem Land: Pfarrstellen sollen wegfallen. Werden einer kranken Kirche „immer mehr Körperteile amputiert“, wie ein Pfarrer aus Kropp meint?

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2015 | 17:19 Uhr

Havetoft | Die vielen kleinen Kirchengemeinden in Angeln haben Angst. Angst davor, dass sie künftig ohne Pastor dastehen. Denn im Zuge der geplanten Einrichtung von „Gemeindlichen Handlungsräumen“ könnten der ländlichen Region zwischen Kappeln, Schleswig und Flensburg mit ihren insgesamt 40 Kirchen künftig statt 27,5 nur noch 20 Pfarrstellen zustehen. So steht es in der ersten Übersicht, die die Leitung des Kirchenkreises auf einer kircheninternen Informationsveranstaltung zum Thema in Havetoft vorgestellt hat.

Ziel ist es, so heißt es in der Vorlage von Pröpstin Johanna Lenz-Aude, das strukturelle Defizit durch Kürzung bei den Pfarrstellen zu beseitigen und „effizientere Organisationsformen“ zu schaffen. Größere Einheiten würden Entlastung schaffen, dem Ehrenamt komme eine noch größere Bedeutung zu.

Zwar legt der Kirchenkreisrat Wert darauf, dass noch nichts beschlossen ist, die Reform sei aber aufgrund von sinkenden Kirchensteuereinnahmen sowie der weiter sinkenden Zahl an Gemeindegliedern notwendig. Kirchenkreis-Sprecherin Anja Pfaff weist darauf hin, dass nicht nur bei den gemeindlichen Pfarrstellen gespart wird, auch die Kirchenkreispfarrstellen, die Dienste und Werke sowie das Regionalzentrum müssten sparen. Dass nun die Propstei Angeln besonders betroffen ist, liege daran, dass in den Propsteien Schleswig und Flensburg schon jetzt etwa zwei Pfarrstellen auf 5000 Gemeindeglieder kommen, wie das im Konzept der Handlungsräume vorgesehen ist.

„Die Kirche gibt die ländliche Region auf.“ Mit diesen drastischen Worten kritisiert Pastor Philipp Kurowski aus Großsolt-Kleinsolt die avisierte Strukturreform. Er erhofft sich eine öffentliche Diskussion über das Konzept mit dem Ziel, den Landgemeinden ein Überleben zu ermöglichen. „Ich habe das Gefühl, dass wir nicht gehört werden“, sagt allerdings Birte Munnecke, Kirchengemeinderätin der Gemeinde Thumby-Struxdorf. Es komme ihr so vor, als seien die „Gemeindlichen Handlungsräume“ schon längst entschieden.

Nachdem Pröpstin Lenz-Aude zu Beginn der Veranstaltung über die Geschichte des guten Hirten aus dem Johannesevangelium gesprochen hat, habe sie sich im weiteren Verlauf der Veranstaltung wie ein kleines dummes Schaf gefühlt. „Wir haben eine Verantwortung für unsere Gemeinden“, sagt sie. Wenn über Reformen nachgedacht werden muss, dann wolle sie das von der Gemeinde aus tun und nicht von oben.

Dass nicht nur die Kirchengemeinderäte und die Pastoren, sondern auch die Gemeindeglieder vor Ort in Sorge sind, macht Kirchengemeinderat Gerd-Ludwig Kraack aus Gundelsby-Maasholm deutlich. Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit ist er mit seiner Frau als Küster in der Gemeinde aktiv und hat so sein Ohr direkt an der Basis: „Der Tenor der Leute ist: Man hat uns schon den Schlachter und den Kaufmann weggenommen. Auch die Banken schließen, und nun auch die Kirche vor Ort. Das kann es nicht sein.“

Nachdem in Havetoft erstmals Zahlen zu dem neuen Konzept vorgelegt worden sind, soll dieses nun in den Kirchengemeinden besprochen werden. Pastorin Bettina Sender aus Toestrup fürchtet deshalb, dass gar nicht mehr über das Konzept als solches, sondern nur noch über dessen Umsetzung gesprochen wird. Schließlich sollen bereits auf der Synode im November erste Papiere vorgelegt werden. Senders Ansicht nach sollte, bevor in der Gemeinde gespart wird, der Blick in die Nordkirche und auf die vielen übergemeindlichen Pfarrstellen gerichtet werden.

Pastor Hergen Köhnke aus Kropp rechnete in Havetoft vor, dass nur gut 25 Prozent der Kirchensteuereinnahmen als Gemeindezuweisung (14 Prozent) und Gemeindepfarrstellen (11,8 Prozent) vor Ort ankämen. Er verglich die Kirche mit einem kranken Patienten, dem immer mehr Körperteile amputiert werden. „Eine Amputation des Beines – 20 Prozent der Gemeindepfarrstellen – spart drei Prozent der kirchlichen Ausgaben ein. Selbst mit der Amputation aller Gemeindepfarrstellen käme man nicht über einen Kürzungsbetrag von zwölf Prozent hinaus. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit würden auch die durch Wucherungen an anderer Stelle ganz schnell geschluckt. Aber der Patient wäre ein kompletter Krüppel“, heißt es in seinem Vortrag, den er in seinem Forum auf www.kirche2025.de veröffentlicht hat. Noch steht die Kirche gerade in Angeln fast in jedem Ort – wenn pro Gemeinde nur noch ein Kirchengebäude finanziert würde, dürfte sich das in Zukunft ändern.

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