zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

23. August 2017 | 20:22 Uhr

Grosssolt : Erinnerungen eines Wolfskindes

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Siegfried Gronau lebt seit mehr als 30 Jahren in Großsolt – in einem Buch beschreibt er seine Kindheit in den ostpreußischen Wäldern.

Grosssolt | Für viele Menschen ist der Zweite Weltkrieg heute ein Kapitel der Geschichte, das das eigene Leben kaum noch berührt. Ganz anders verhält es sich bei Zeitzeugen. Ein 1936 in Königsberg Geborener verlor alles bis auf das nackte Leben. Selbst seine Identität und seine Muttersprache musste er aufgeben. Siegfried Gronau lebt schon seit mehr als 30 Jahren mit seiner Frau in Großsolt. Von seiner grausamen Lebensgeschichte wissen nur wenige Nachbarn und Freunde. Auch seiner Frau offenbarte er seine Lebensgeschichte erst lange nach der Hochzeit. Nun hat sich der gebürtige Ostpreuße seine Erlebnisse von der Seele geschrieben, die Erlebnisse eines Wolfskindes. Aber an ein Leben ohne den Krieg kann sich Siegfried Gronau nicht erinnern. Der Krieg ist noch immer da, wenn auch „nur“ in seinem Kopf.

Sein Vater wurde früh in die Wehrmacht eingezogen und fiel 1943. Als seine Heimatstadt 1944 durch Bombenangriffe schwer zerstört wurde, traf eine Bombe das Haus, in dessen Luftschutzkeller seine Mutter sich mit ihren vier Kindern aufhielt. Das bürgerliche Leben der Familie war damit endgültig vorbei. Sie kämpfte um Unterkunft und Verpflegung. Vergebens. Die Großeltern, die Schwestern und die Mutter starben elendig. Siegfried stand als Zehnjähriger allein, hungrig, zerlumpt und ohne Habe in Königsberg, seiner „Geisterstadt“.

Von Königsberg aus gelangte der junge Siegfried ins benachbarte Litauen. Dort fühlte er sich „wie im Himmel“, da er keine Ruinen, stattdessen gut genährte Menschen entdeckte. Dieser Eindruck verlor sich sehr schnell. Als er die ersten Russen erspähte, begann ein jahrelanges Verstecken. Die Russen duldeten keine Deutschen.

Er lebte in Wäldern und bei Bauern. Diese gewährten aus Mitleid Kost und Logis gegen Arbeit. Er lernte litauisch und nannte sich „Kasimir“. Sein deutscher Name hätte seine Herkunft sofort verraten. Er schlug sich wie viele anhanglose ostpreußische Kinder und Jugendliche im fremden Land ohne Papiere durch. Für ihr Schicksal wurde in den 1990er Jahren die Bezeichnung „Wolfskinder“ eingeführt. Erst im Alter von 19 Jahren ließ sich „Kasimir“ registrieren und wurde Sowjetbürger.

In den 1970er Jahren wurde seine im Krieg nach Flensburg geflüchtete Tante ausfindig gemacht. Bis alle erforderlichen Papiere für den Deutschen Siegfried mit Frau und Kind vorlagen, dauerte es noch zwei Jahre bis zur Übersiedlung nach Schleswig-Holstein. Damit änderte sich vieles. Aber die Erinnerungen an das erlebte Grauen und deren Auswirkungen auf seine persönliche Entwicklung verließen ihn nicht – auch wenn er nicht darüber sprach.

Vor zwölf Jahren ermunterte ihn eine Großsolterin, seine Geschichte zu erzählen. Und sie aufzuschreiben. Gronau begann in litauischer Sprache. Erst nach dem Wechsel ins Deutsche öffnete sich für ihn eine Schleuse, und er tippte auf der Schreibmaschine Hunderte von Blättern. „Nichts als Klagen über mein zerstörtes Leben, das ich leben musste.“

Ungläubig erfuhr er, dass ein Interesse an seiner Biografie besteht. Über die Gruppe der Wolfskinder knüpfte Gronau Kontakte zu einem litauischen Verlag. Etliche Jahre nach seiner Erstfassung machte er sich erneut an das Werk. Er kürzte und überarbeitete seinen Text. Außerdem übersetzte er ihn ins Litauische. Es entstand ein 411 Seiten starkes Buch mit einem Vorwort des litauischen Dichters und Schriftstellers Robertas Keturakis. In Litauen präsentierte Gronau es bei mehreren Lesungen der Öffentlichkeit. Ob eine deutsche Ausgabe einen ähnlichen Anklang finden würde? Siegfried Gronau zögert: Das wäre schon eine Möglichkeit, das Schicksal der Wolfskinder in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Aber ob daraus etwas wird, weiß Siegfried Gronau nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen