Totschlag-Prozess im Fall Gerwin L.. : Er wusste, was er tat

Die Gutachterin hält den Angeklagten für voll schuldfähig. Der Staatsanwalt fordert zehn Jahre Haft.

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06. Juli 2018, 18:54 Uhr

Wie wäre dieser Prozess wohl ausgegangen, wenn Rainer Taistra in einer Verhandlungspause im April nicht in Plauderlaune geraten wäre? Über den Angeklagten Andreas L. (52), der im vergangenen Herbst in seiner Schleswiger Wohnung seinen Nachbarn Gerwin L. (61) erst tagelang gefesselt hielt und schließlich tötete, soll der psychiatrische Sachverständige sinngemäß gesagt haben, der Mann sei ganz klar verrückt und gehöre in die Psychiatrie. Auf Antrag der Verteidigung zog das Gericht den Sachverständigen wegen Befangenheit aus dem Verkehr. Der Prozess vor dem Flensburger Landgericht begann von vorn – mit einer neuen Sachverständigen, Christine Heisterkamp aus Lübeck.

Gestern hat sie ihr Gutachten vorgelegt – und kam zu einem völlig anderen Ergebnis als ihr Kollege. „Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber ich kann sein Gutachten nicht nachvollziehen“, erklärte sie. In seiner vorläufigen Einschätzung hatte Taistra von einer „schwerwiegenden komplexen Persönlichkeitsstörung von forensischer Relevanz“ geschrieben. Eine solche könne sie aber „sicher ausschließen“, sagte Heisterkamp. Andreas L. sei sich stets darüber im Klaren gewesen, welches Unrecht er tat. Was Außenstehende als besonders monströs wahrnahmen, nämlich dass er sein totes Opfer über Wochen neben sich in der Wohnung liegen ließ, das sieht die Gutachterin als Ausdruck einer akuten Hilflosigkeit. „Er war mit der Situation völlig überfordert, das finde ich normalpsychologisch.“ Ansonsten habe Andreas L. sich nach der Tat rational verhalten, als er die Wertgegenstände aus dem Besitz von Gerwin L. verkaufte und Plastiksäcke besorgte, in denen er den Leichnam verstauen wollte.

Auf den scheinbar banalen Auslöser für den tödlichen Streit zwischen den Nachbarn – es ging um eine Tasse Kaffee – ging die Sachverständige nur kurz ein. Offensichtlich habe sich hier ein Konflikt „zwischen zwei interessanten Persönlichkeiten“ aufgeschaukelt, sagte Heisterkamp

Nun ist auch ihr Kollege Taistra ein erfahrener Fachmann. Bis zu seinem Ruhestand leitete er die Forensik in der Schleswiger Fachklinik. Seine Meinung könne das Gericht daher sicher „nicht einfach wegwischen“, räumte die neue Gutachterin ein, zumal sie selbst keine Gelegenheit hatte, direkt mit dem Angeklagten zu sprechen.

Welche Schlüsse das Gericht nun zieht, wird es am Montag in seinem Urteil mitteilen. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung und Nebenklage machten gestern aber deutlich, dass sie Heisterkamps Gutachten für nachvollziehbar und stichhaltig halten. Staatsanwalt Lars Truknus beantragte zehn Jahre Haft wegen Totschlags, Verteidigerin Rebecka Schöpfer-Chatterton forderte sieben Jahre. Die Rechtsanwältin Irene Zeppenfeld, die Gerwin L.s Bruder als Nebenkläger vertritt, forderte eine Verurteilung wegen Mordes, was eine lebenslange Haftstrafe zur Folge hätte. Bereits an den vorangegangenen Prozesstagen hatte sich herausgeschält, dass für das Urteil die Frage eine zentrale Rolle spielen wird, ob Andreas L. sein Opfer tötete, um die vorangegangene Freiheitsberaubung zu vertuschen. Falls ja, wäre das juristische Kriterium der „niederen Beweggründe erfüllt“. Klar beantworten, meint Staatsanwalt Truknus, lasse sich diese Frage nicht. Der Angeklagte hatte im gesamten Prozess geschwiegen.

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