Brodersby : Entschleunigen mit Eselsgeduld

Eingespieltes Team: „Tante Ella“, „Uwe“ und „Etosha“ (v.l.) mit Barbara Becker. Fotos: Schnoor
Eingespieltes Team: „Tante Ella“, „Uwe“ und „Etosha“ (v.l.) mit Barbara Becker. Fotos: Schnoor

Fünf Langohren bringen kleinen und großen Besuchern Ruhe und Gelassenheit bei.

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02. August 2018, 07:00 Uhr

„Etosha“ ist eine Schönheit. Brav wartet die edle Französin am Zaun der Eselskoppel von Barbara Becker in Brodersby: Schimmerndes graues Fell, glänzende Hufe, puschelige, großschlappige Ohren. Die schwarze Zeichnung auf Rücken und Schultern verrät, Etosha ist eine Cotentin-Eseldame. Ihre Vorfahren stammen von der Halbinsel Contentin in der Normandie und ihr Stammbaum ist lang. Cotentin-Esel wurden erstmals um 1000 n.Chr. urkundlich erwähnt – als Arbeitstiere.

Auch Etosha hat einen Job. Gemeinsam mit ihren tierischen Kollegen – „Tante Ella“, „Uwe“, „Reine“ und dem kleine „Ilex“ – ist sie für große und kleine Menschen da, lässt sich striegeln, betüddeln und fotografieren. Die Esel in Brodersby sind gute Begleiter, ob auf der Koppel, auf einem kurzen Spaziergang oder einer langen Wanderung. Alles, was das erlebnispädagogische Konzept von Besitzerin Barbara Becker verlangt, beherrscht der charmante Trupp perfekt. Allerdings: Die Tiere haben ihren eigenen Kopf. Sie scheinen schlicht „stur wie Esel“ zu sein. Für ihre Besitzerin, die über die Jahre zur Eselsexpertin geworden ist, sind sie schlicht „schlau“. „Esel haben eine andere Strategie, mit der sie möglichen Gefahren begegnen, als zum Beispiel Pferde“, erklärt sie. Während Pferde zumeist dicht in einer Herde zusammenstehen, kommen Esel aus so dürren Gebieten, dass die einzelnen Tiere auf der Suche nach Nahrung oftmals weit verstreut standen. Über Kilometer hinweg können sie sich deshalb mit einem kräftigen „Iiii-Aaaah“ verständigen und mit ihren langen Ohren selbst entfernte Geräusche einfangen – den Schutz einer geschlossenen Herde aber hatten sie nicht. Also sorgt jeder Esel selbst für seine Sicherheit: Er bleibt stehen und prüft die Situation. Danach entscheidet er, was zu tun ist.

„Die Tiere tun das mit großer Ruhe und Gelassenheit“, berichtet Barbara Becker, und es klingt ein Hauch Bewunderung durch. Denn: Genau das mache Esel zu perfekten Wanderpartnern. „Als Begleiter bringen sie mit ihrer langsamen überlegten Art Menschen dazu, über sich selbst und über das eigene Verhalten nachzudenken. Was treibt mich eigentlich an? oder: Wieso muss es jetzt unbedingt dieser Weg sein?“ Wer – aus Sicht des Esels – überzeugende Argumente liefert, gewinnt zunächst die Zustimmung des Tieres, den Weg fortzusetzen und mit fortdauernder Beständigkeit und Ruhe vielleicht sogar sein Vertrauen. Die 53-Jährige lacht: „Ist alles Verhandlungssache.“ Sie selbst hat das Vertrauen ihrer Esel längst gewonnen. Freudig laufen die Tiere ihr entgegen, als sie die Koppel betritt. Auch wenn sie kaum mal etwas zu naschen dabei hat. Manchmal gibt es reife Hagebutten, „Eselbonbons“, aber grundsätzlich sind die Esel „so anspruchslos, dass du bei der Fütterung aufpassen musst.“ Dornengestrüpp zählt zu den Lieblingsspeisen. Zuviel saftiges Gras dagegen kann zu körperlichen Beschwerden, sogar zu Krankheiten führen.

Im September 2002 „zur Brombeerzeit“ habe sie ihren ersten Esel gekauft, erzählt die stolze Besitzerin. „Endlich.“ Ein lang gehegter und geplanter Traum sei damit in Erfüllung gegangen. Im Mai 2006 habe sie ihre erste Trekking-Tour gemacht. Seitdem war sie oft unterwegs. Vor zehn Jahren reifte dann der Entschluss, aus der Esels-Leidenschaft einen Beruf zu machen. Becker gründete 2008 die Eselkoppel an der Schlei, um „Kindern und Familien Abenteuerfreizeiten im Einklang mit der Natur“ möglich zu machen. Aus dem Nebenberuf ist heute längst ihr Hauptberuf geworden. Es gibt Veranstaltungen, Gruppenbesuche und Spontanbesucher. und es stehen Kindergeburtstage, Wanderungen, Jahreskurse auf dem Programm. Demnächst will Barbara Becker ihre Langohren sogar vor die Kutsche spannen. Bleibt noch eine Frage: Wo kommt diese Esel-Liebe her?

Das habe sicherlich grundsätzlich etwas mit ihrem Lebensgefühl zu tun. „Ich bin mit Pferden aufgewachsen und war nie ohne Ponys oder Pferde um mich herum.“ Aber mit Eseln sei das Leben und Wandern noch einmal besonders. „Es bringt dich aus der Komfortzone. Aber so, dass es harmonisch bleibt.“


> Im Internet: www. eselkoppel.de

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