B201 : Einsturzgefahr nach Lkw-Unfall in Treia: „Wir haben nur unsere Zahnbürsten“

Nach der Evakuierung des Gebäudes hat der THW das Haus gesichert und mit Holzbalken abgestützt – es droht einzustürzen.
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Nach der Evakuierung des Gebäudes hat der THW das Haus gesichert und mit Holzbalken abgestützt – es droht einzustürzen.

In Treia verliert ein Lkw-Fahrer auf glatter Fahrbahn die Kontrolle über seinen 40-Tonner. Er prallt gegen ein Haus – mit Folgen.

shz.de von
20. Januar 2018, 11:51 Uhr

„Es ist ein Alptraum“, sagt Anke Carstensen, „wir haben diesen unglaublichen Krach gehört, uns an den Händen gefasst und überlegt, was das wohl war.“ Im ersten Moment dachten sie an einen Sturmschaden oder an einen Unfall direkt vor dem Haus. Als ihr Mann Harald wenig später nachsah, stand er auf einem Haufen aus zerstörten Möbeln und Bauschutt. „Dort wo vor wenigen Stunden noch unser Wohnzimmer war, klafft jetzt ein großes Loch.“

Nächtlicher Einsatz: Die Aufräumarbeiten dauerten Stunden.
Foto: Sebastian Iwersen

Nächtlicher Einsatz: Die Aufräumarbeiten dauerten Stunden.

 

Was war passiert? Der Anhänger eines aus Richtung Husum kommenden 40 Tonnen schweren Sattelzugs war in der Nacht zu Freitag mit voller Wucht in das Wohn- und Geschäftshaus an der Treenestraße geprallt. Nachdem er auf der linken Seite eine Hecke und ein Verkehrsschild mitgerissen hatte, beschädigte er auf der rechten gleich mehrere Neuwagen, die auf der Außenfläche des Autohauses Henken abgestellt waren. Bei spiegelglatter Fahrbahn hatte der Fahrer die Kontrolle über das Fahrzeug verloren, kam ins Schleudern, rutschte quer zur Fahrbahn ungebremst weiter, bis der Aufprall auf das Gebäude ihn schließlich stoppte. Ein Vorführwagen wurde regelrecht zermahlen.

 

Für die Freiwillige Feuerwehr Treia war der Einsatz in den frühen Morgenstunden bereits der sechste im noch jungen Jahr. „Die Leitstelle meldete um 3.13 Uhr, ein Lkw sei in ein Haus gefahren und Menschenleben seien gefährdet“, erzählt David Wennike, „wir haben alle einen ganz schönen Schreck bekommen, als wir das hörten.“ Vor Ort waren neben den 30 Kameradinnen und Kameraden aus Treia, noch einmal so viele Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Silberstedt, außerdem Ortsverbände des THW Husum und Schleswig. Die Einsatzkräfte stützten das Haus ab, bevor sie den Lkw bargen. Getränkekisten mussten eingesammelt werden. Stundenlang war die Bundesstraße 201 gesperrt.

Am Tag danach wird das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar; die aufgerissene Hauswand am Gründungsgebäude der Firma Henken. „Meine Schwiegereltern haben von hier aus vor 50 Jahren ihre Firma aufgebaut“, berichtet Andrea Henken. Im Erdgeschoss befanden sich bis Freitag gewerbliche Flächen und der Personalraum der Mitarbeiter. Im Obergeschoss wohnten Anke und Harald Carstensen zur Miete. Erste Untersuchungen des Statikers sind ernüchternd. Bis auf weiteres herrscht akute Einsturzgefahr, keiner darf hinein.

René Kuniß, Anke und Harald Carstensen stehen vor den Trümmern ihrer Praxis und Wohnung (v.l.).
Foto: Claudia Kleimann-Balke

René Kuniß, Anke und Harald Carstensen stehen vor den Trümmern ihrer Praxis und Wohnung (v.l.).

„Ich konnte noch meine Patientenakten sicherstellen, aber darf den hinteren Bereich nicht mehr betreten“, berichtet René Kuniß, dessen Praxis für Logopädie bisher dort untergebracht war. „Nun bin ich auf der Suche nach neuen Praxisräumen.“ Bis dahin macht er Hausbesuche. „Es muss ja weitergehen.“ Auch Anke und Harald Carstensen dürfen ihre Wohnung vorerst nicht mehr betreten. „Wir haben nur unsere Zahnbürsten.“ Erst einmal kommen sie bei ihrer Tochter unter. „Aber dann wissen wir nicht, wohin.“

Ob das Gebäude saniert werden kann, oder abgerissen werden muss, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Auch der Schaden lässt sich wohl erst in einigen Tagen beziffern. Neben Gebäude und den Neuwagen sind vermutlich Gebrauchtfahrzeuge durch umherfliegende Flaschen und Getränkekisten aus der Lkw-Ladung beschädigt worden. Der Schock sitzt tief und die Unsicherheit über die nahe Zukunft ist groß bei Anke und Harald Carstensen.

Dennoch – es hätte schlimmer kommen können. Ein paar Stunden früher saßen sie noch im Wohnzimmer. Ein paar Stunden später wären auf dem Gehweg Kindergarten- und Schulkinder unterwegs gewesen. So aber gab es keine Verletzen.

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