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Jens Engel aus Havetoft : Einsatz auf Lesbos: Die Ohnmacht der Flüchtlingshelfer

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Jens Engel aus Havetoft hat drei Monate unbezahlten Urlaub genommen – jetzt hilft er ehrenamtlich Menschen auf der griechischen Insel Lesbos – und erlebt das Leid hautnah.

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erstellt am 29.Dez.2015 | 19:24 Uhr

Für Jens Engel hat sich das Leben in den vergangenen Tagen radikal verändert. Seit dem 7. Dezember befindet sich der 37-Jährige aus Havetoft im ehrenamtlichen Hilfseinsatz auf der griechischen Insel Lesbos, die von Bootsflüchtlingen buchstäblich überschwemmt wird. Dafür hat er drei Monate unbezahlten Urlaub genommen. Die Erlebnisse auf der Ferieninsel im Mittelmeer haben ihn erschüttert. „Ich habe es niemals für möglich gehalten, dass mitten in Europa Babys und Kleinkinder nächtelang bei fünf Grad auf Pappkartons oder auf dem nackten Betonboden schlafen müssen. Hier ist das Normalität.“ Wenn er mit der Familie oder Freunden in der Heimat telefoniert, klingen deren Erzählungen aus dem Alltag in seinen Ohren fremd, wie aus einer anderen Welt. „Weihnachten und Silvester “, sagt Jens Engel, „sind hier keine Feste. Es ist die Zeit, in der die Helfer knapp werden.“

Der Havetofter wohnt zurzeit in einer Pension in Panagiouda im Südosten der Insel. Zimmer sind Mangelware, die einzige freie Unterkunft war ein Fünfbettzimmer, das noch am selben Abend mit zwei weiteren Helfern belegt wurde. Bei dieser Gelegenheit bekam der Neuling Kontakt zum Health Point Projekt, in dem sich Mediziner aus aller Welt ehrenamtlich engagieren. In Moria ,wenige Kilometer von der Küste entfernt, hat die Organisation ein kleines, provisorisches Lazarett eingerichtet. Hier hat auch der ausgebildete Rettungssanitäter seine Aufgabe gefunden.

Moria ist ein so genannter Hotspot. Hierher werden die Bootsflüchtlinge zur Registrierung und zur Weiterverteilung gebracht. Die meisten Menschen bleiben wenige Tage, es kann aber auch einige Wochen dauern, bis die Reise weitergeht. Die Flut der Flüchtlinge, überforderte Behörden und die Not der Menschen machen Moria zu einer humanitären Katastrophe. In einem der illegalen, aber geduldeten Lager befindet sich der Arbeitsplatz von Jens Engel. „Das Lazarett ist gleichzeitig Behandlungsraum, Wartezimmer und Lager. Hier gibt es einige Feldbetten und Strandliegen. Jede freie Ecke wird als Lager für Wasserflaschen, Wolldecken, Windeln und viele andere Spenden genutzt, beschreibt Jens Engel.

Seine Aufgabe ist es, das Lazarett nach Außen zu tragen: Mit seinem Notfallrucksack, die rechte Jackentasche voller Bonbons, durchstreift er das gesamte Lager. Immer auf der Suche nach Menschen, die Hilfe benötigen. Die meisten Flüchtlinge leiden unter Grippe, haben Kopfschmerzen, sind dehydriert. Ein echtes Problem sind die vielen Lagerfeuer. Die Flüchtlinge haben das Bedürfnis nach Wärme, atmen aber den Rauch ein, wenn sie zu nahe am Feuer sitzen. Für Kinder, Kranke, Alte und Behinderte sucht der Rettungssanitäter besondere Schutzräume im offiziellen Lager – oder zumindest Decken und einen Schlafsack, wenn alles ausgebucht ist.

Jens Engel verschweigt nicht, dass ihn die Arbeit belastet. Am schlimmsten sind die Nachtschichten, wenn das Lager voll ist und frisch gestrandete und vollkommen erschöpfte Flüchtlinge ankommen. Ganze Familien lassen sich dort nieder, wo sie gerade einen freien Platz finden – meist auf Pappkartons, zugedeckt mit ihrer Kleidung oder einer Decke, wenn sie Glück haben. „Die Menschen sind so erschöpft, dass sie trotz Lärms, Kälte, Flutlicht und der Abgase von Polizeibussen tief schlafen“, sagt er. Engel hält dann vor allem nach Kindern Ausschau. Er leuchtet mit der Taschenlampe unter die Decken, fühlt, ob die Kleidung nass ist und breitet über den Schlafenden zusätzliche Decken aus. „Es schmerzt, die Menschen so verletzlich auf dem Beton im Dreck liegen zu sehen. Ich spüre dann meine eigene Ohnmacht und Wut darüber, dass dieser Notstand hier Normalität ist und das Ganze politische Gründe hat.“

Vor seiner Abfahrt nach Lesbos hatte sich Jens Engel vorgestellt, direkt am Strand zu arbeiten. Direkt Menschen aus dem Wasser zu retten, wie er es in den Nachrichten und Reportagen gesehen hatte. Inzwischen aber hat er sich ein eigenes Bild vom Geschehen gemacht. „Die Arbeit am Strand ist spektakulär und wichtig. Aber dort sind auch viele Medien und Schaulustige vertreten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es mehr um die erschütternden Bilder als um die Menschen geht. Das will ich nicht mitmachen.“

Gelegentlich hat der Mann aus Havetoft auch im Inland kleine Erfolgserlebnisse. Zum Beispiel, als wieder einmal Busse mit neuen Flüchtlingen kamen und hunderte frierend vor dem Lager standen. Bewacht von Polizisten mit Schlagstöcken. Die Helfer entdeckten in der Menge eine syrische Großfamilie, Kinder zwischen zwölf Jahren und wenigen Monaten, Oma hatte sich den Fuß verdreht, Opa einen Asthmaanfall. Plötzlich drängte die Polizei die Wartenden zurück, um eine Pufferzone einzurichten. Die Helfer stellten sich schützend vor die Familie und hatten tatsächlich Erfolg. Die Familie blieb zusammen, die Kranken konnten versorgt werden. „Einmal keine Ohnmacht spüren. Das tat gut“, sagt Engel.

Um mental und körperlich bei Kräften zu bleiben, telefoniert er häufig nach Hause, versucht viel zu schlafen und gelegentlich zwei freie Tage am Stück zu nehmen. Dann meidet er den Strand und geht im Inneren der Insel spazieren.

Wirklich abzuschalten, das gelingt nur selten. Dem Leid kann er auf Lesbos kaum entgehen. Da hilft ihm auch seine Professionalität als Rettungsassistent nicht. „Ich kann hier meine Emotionen nicht abwehren, sondern den Flüchtlingen nur als Mensch begegnen. Das ist schwer. Aber es schafft eine ehrliche Nähe.“

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