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Weißer Ring : Einfühlsame Stütze für Gewaltopfer

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Helga Münchow engagiert sich seit sechs Jahren ehrenamtlich für den Weißen Ring – zuletzt begleitete sie die Mutter der Getöteten im Lürschauer Totschlagsprozess in den Gerichtssaal.

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erstellt am 27.Dez.2013 | 12:00 Uhr

Als die Gerichtsmedizinerin über Einzelheiten des Totschlags berichtet, legt Helga Münchow der Frau neben ihr den Arm um die Schulter. Eine Geste, die der Mutter des Opfers ein wenig Zuspruch und menschliche Nähe vermitteln und die schrecklichen Bilder abmildern soll, die hinter den nüchternen Ausführungen der Wissenschaftlerin zum Vorschein kommen.

Helga Münchow arbeitet seit sechs Jahren ehrenamtlich für den Weißen Ring, eine Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Opfern von Kriminalität und deren Familien zur Seite zu stehen. In den Lürschauer Totschlagsprozess wurde sie eher durch Zufall verwickelt – eigentlich gehört sie der Flensburger Außenstelle des Weißen Ringes an, die für die Stadt und das nördliche Kreisgebiet zuständig ist. Aber in Schleswig war gerade niemand verfügbar – und eine Kripobeamtin rief direkt bei Helga Münchow an. Die fuhr sofort nach Lürschau. Sie hörte zu, vermittelte psychologische Hilfe und saß letztlich während der Gerichtsverhandlung direkt neben der Mutter des Opfers. Fünf quälende Verhandlungstage lang – und immer dem Täter Auge in Auge gegenüber.

„Das war schwer“, sagt Helga Münchow, die jeden Verhandlungstag mit einer Aktion einleitete, die in Gerichtssälen eher ungewöhnlich ist: Sie schüttete Bonbons auf den Tisch. „Das sollte dazu beitragen, die gespannte Atmosphäre aufzubrechen, aufzulockern, zu entspannen“, sagt sie.

Aber es müssen nicht immer Bonbons sein. In einem anderen Fall betreute sie ein 17-jähriges Mädchen, das gegen ihren Vergewaltiger aussagen musste. Für das Opfer eine psychische Zerreißprobe. Helga Münchow drückte der jungen Frau ein stabiles Stoffband in die Hand, das sie während der Verhandlung unaufhörlich knetete. Eine kleine Hilfe, eine Art Ventil, um die Spannungen abzuleiten. Das abgegriffene Band bewahrt Helga Münchow in ihrem Wohnzimmerschrank auf – ein Zeichen dafür, dass sie diesen Fall nicht professionell abgehakt hat, sondern immer noch mit einigen Emotionen betrachtet.

Helga Münchow hat in Flensburg als Sonderschullehrerin gearbeitet. Als sie in den Ruhestand ging, suchte sie nach einer sinnvollen Aufgabe. Die fand sie nach einigen Umwegen beim Weißen Ring. Schon nach dem ersten Hineinschnuppern war für sie klar: Das ist es, was ich gesucht habe. „Hier habe ich mit der gesamten Bandbreite des Lebens zu tun“, sagt die hellwache Frau. „Ich habe schnell bemerkt, dass ich als Lehrerin vom wirklichen Leben keine Ahnung hatte. Jetzt, nach sechs Jahren und 149 Fällen beim Weißen Ring, ist mir nichts Menschliches mehr fremd. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die fordert – aber auch sehr befriedigend ist, wenn man wirklich helfen kann.“

Der Weiße Ring hilft allen Opfern von Kriminalität. Nicht nur nach Mord oder Totschlag – auch nach Einbrüchen, Überfällen, Diebstahl oder Enkeltrick-Betrug. Je nach Erfordernis werden Anwälte oder Psychologen vermittelt, es gibt Begleitung bei unangenehmen oder ungewohnten Behördengängen und teilweise auch schnelle finanzielle Hilfen. Den größten Teil aber machen Gespräche, Beistand und Zuwendung aus.

Wer gern mitmachen möchte, sollte auf jeden Fall verschwiegen sein, gut zuhören können und bereit sein, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Wer glaubt, schon vorher für alle Probleme eine Lösung parat zu haben, ist hier wahrscheinlich fehl am Platze. „Es geht darum, jeden Menschen ernst zu nehmen – gleichgültig welcher Herkunft oder welcher sozialen Stufe“, sagt Helga Münchow.

Im Verein gibt es auch Spezialisten, die sich gern mit der Öffentlichkeitsarbeit oder dem Opferentschädigungsgesetz beschäftigen. Helga Münchow hat eine andere Aufgabe gefunden. Eine, die zu der einfühlsamen Frau passt. Sie ist gern ganz nah bei den Menschen.

Während der Arbeit begegnet den Mitarbeitern des Weißen Rings zwangsläufig viel Leid. Die Organisation bietet auch ihren Helfern psychologische Unterstützung an. Und wie geht Helga Münchow mit dieser Belastung um? Wie schafft sie es, das Leid nicht zu nah an sich herankommen zu lassen? Eine Regel lautet: Das eigene Zuhause ist tabu. Hier finden keine Treffen statt, der private Festnetz-Anschluss hat eine Geheimnummer.

Aber es gelingt nicht immer die Ausstrahlung von Stärke, Zuversicht und Professionalität aufrecht zu erhalten. Manchmal müssen die aufgestauten Emotionen einfach raus. Für Helga Münchow sind ihre Spaziergänge mit dem Hund solche Gelegenheiten: „Dann kommen mir schon mal die Tränen“, gibt sie zu.

Für den Weißen Ring und die Menschen, die ihre Hilfe brauchen, will Helga Münchow noch möglichst lange tätig sein: „Man gibt sehr viel von sich selbst und man bekommt sehr viel zurück. Solange sich das die Waage hält, mache ich weiter.“ Mit viel Herzblut und Bonbons im Gerichtssaal.

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