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Schleswiger Nachrichten

24. August 2017 | 08:43 Uhr

Schleswig : Einfache Sprache statt Amtsdeutsch

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Werkstätten haben das Projekt „Capito“ gestartet – um schwierige Texte allgemeinverständlich zu übersetzen.

Arbeitsverträge, Sozialanträge, Bedienungsanleitungen: Wer hat sich nicht schon durch Texte gequält, die vor schwierigem Amtsdeutsch nur so strotzten? Was für den Normalbürger oftmals schon schwer ist, stellt behinderte Menschen und solche mit Migrationshintergrund oft vor unüberwindbare Hürden. Deshalb haben die Schleswiger Werkstätten jetzt das Projekt „Capito“ ins Leben gerufen. Im Lollfuß 85 befindet sich nun das erste Büro für barrierefreie Informationen in ganz Schleswig-Holstein.

Leiter der Initiative (siehe Infokasten) ist Jan-Henrik Schmidt, gleichzeitig Geschäftsführer der Werkstätten. „Unser Ziel ist ganz klar: Wir machen das Leben einfacher“, sagt er. Denn laut Schmidt könnten 7,5 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene nur so eingeschränkt lesen und schreiben, dass sie von selbstständiger gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind und beim Verstehen oder auch Ausfüllen etwa von Anträgen und Verträgen Hilfe brauchen. „Dieses Problem hat längst auch die Bundesregierung erkannt und Behörden aufgefordert, sich im Schriftverkehr allgemeinverständlicher auszudrücken. Und wir wollen jetzt dagegen steuern.“

Seitdem er sich mit dem Thema „einfache Sprache“ beschäftige, falle ihm häufiger auf, wie absurd manche Broschüren oder offizielle Texte zu lesen seien. „Selbst die Arbeitsverträge unserer Werkstatt-Mitarbeiter waren nur sehr schwer zu verstehen. Das haben wir als erstes geändert.“ Neben Schmidt gehören nun auch die Mitarbeiterinnen Anna Lang und Viola Pjede zum „Capito“-Team, das sein Büro in den Räumen des ehemaligen Katasteramtes im Lollfuß bezogen hat.

Von hier aus wird die Arbeit organisiert. Das bedeutet zum einen, die Behörden, Firmen und anderen Institutionen anzusprechen, bei denen sie Bedarf für eine Vereinfachung sehen. Ist das der Fall, kommt die konkrete und oftmals aufwändige Übersetzungs-Arbeit hinzu. Erste Interessenten haben bereits konkrete Aufträge erteilt, mit anderen – dazu zählen mehrere Landkreise und auch das Land Schleswig-Holstein – stehen die „Capito“-Macher in Verhandlungen.

Finanziell gefördert wird das Projekt von der „Aktion Mensch“. Hinzu kommen die Honorare, die die Auftraggeber zahlen. „Wir sind ein Dienstleister, wir verkaufen Übersetzungen“, betont Schmidt, der insgesamt einen „Riesenbedarf“ sieht, um das allgemein gültige Behördendeutsch und Paragrafenwirrwarr zu vereinfachen.

Das sehen auch Sandra Kunze, Benjamin Krämer und Reiner Strunzkus so. Die drei Mitarbeiter der Werkstätten gehören der sogenannten Prüfgruppe an, die darüber entscheidet, ob ein in einfache Sprache umgeschriebener Text am Ende auch tatsächlich zu verstehen ist. Erst dann gibt es für Übersetzungs-Arbeit von Anna Land und Viola Pjede ein offizielles Tüv-Siegel. „Da muss man schon das ein oder andere Mal nacharbeiten“, sagt Lang. Das Schwierige sei, dass man in der Regel nicht nur eine Version erarbeiten muss, sondern meist drei – in verschiedenen Sprach-Levels. „Denn es gibt ja auch Menschen, die kaum lesen können und sich besser an Symbolen orientieren. Andere erreichen ein Niveau, bei dem sie problemlos etwa die Bild-Zeitung lesen können“, erklärt sie weiter. So habe man schließlich auch den Werkstätten-Vertrag in drei verschiedene Versionen übersetzt. Sie alle haben aber etwas gemeinsam: Sie zeichnen sich durch kurze Sätze und deutsche Ausdrücke statt fremdsprachliche aus.

„Ich finde diese Arbeit sehr sinnvoll. Denn wir leisten vielen Menschen eine wichtige Hilfestellung“, betont Lang. Gleichzeitig weist sie Kritik zurück, dass „Capito“ das Sprachniveau insgesamt herabsetze. „Es geht darum, Menschen Informationen zu erschließen, an die sie sonst nicht kommen. Das bedeutet Selbstbestimmung. Und oft ist es so, dass dann, wenn man etwas mal versteht, das Interesse geweckt wird und man mehr wissen möchte. Das ist doch toll!“

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erstellt am 08.Feb.2016 | 09:57 Uhr

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