zur Navigation springen

Schleswiger Beliebungen : Eine uralte Tradition ist in Gefahr

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Drei der vier Schleswiger Beliebungen klagen über Mitgliederschwund. Im Lollfuß gibt erstmals kein nächtlichen Umzug mehr.

von
erstellt am 24.Jun.2017 | 07:48 Uhr

Heute Abend treffen sich die Mitglieder der Alten Beliebung von 1629 zum Festball. Morgen um 14.30 Uhr versammeln sich die Männer in dunklen Anzügen, mit hohen Hüten, schwarzen Schleifen und roten Rosen auf dem Rathausmarkt und marschieren von dort zur Generalversammlung im „Hotel Hohenzollern“. So zahlreich wie in früheren Jahren sind sie schon lange nicht mehr. Noch vor zehn Jahren hatte die Alte Beliebung 280 Mitglieder. Heute sind es rund 200. Nachwuchs zu gewinnen, gestaltet sich schwierig, erklärt Ältermann Joachim Röhling und fragt: „Was soll ich den Leuten denn bieten? Außer Tradition kann ich nichts bieten.“

Die Tradition allerdings, die ist noch immer wirkmächtig. Die vier Beliebungen sind eine Schleswiger Besonderheit. Totengilden haben auch andere Städte. Aber kaum sonst irgendwo spielten sie über Jahrhunderte eine so große Rolle wie in Schleswig.

Neben der Alten Beliebung gibt es die Friedrichsberger Beliebung von 1638, die Holmer Beliebung von 1650 und die Lollfußer Beliebung von 1651. Gegründet wurden sie in Zeiten von Pest und Dreißigjährigem Krieg. Die Bürger versprachen sich damals, sich bei Todesfällen gegenseitig beizustehen. Das tun sie noch heute. Die Beliebungen sind Versicherungsvereine. Dieser Aspekt ihres Daseins spielt aber heute nur noch eine symbolische Rolle. Die Mitglieder der Alten Beliebung zahlen 25 Euro Jahresbeitrag – im Todesfall erhalten die Hinterbliebenen 125 Euro aus der „Leidkasse“. Die „Freudkasse“ ist inzwischen bedeutender. Aus ihr wird die Traditionspflege bezahlt – Festball, Umzüge, Generalversammlung und auch das Kinderfest, das morgen um 15 Uhr im „Hohenzollern“ beginnt. Im Lollfuß und im Friedrichsberg veranstalten die Beliebungen schon keine Kinderfeste mehr – es gibt nicht mehr genügend Kinder in den Familien der Mitglieder, als dass sich der Aufwand lohnen würde.

Die Alte Beliebung geht einen anderen Weg, um das Kinderfest zu erhalten. „Wir richten es nicht nur für unsere Mitglieder aus“, sagt Röhling. „Wir arbeiten mit Kindergärten zusammen und laden auch Flüchtlingskinder ein.“

Weiteren Modernisierungen steht Röhling aber skeptisch gegenüber. „Wir möchten an den Traditionen festhalten.“ Dazu zählt er auch, dass die Beliebung in erster Linie ein Männerverein ist. „Die Männer vorweg, die Frauen im Hintergrund – so, wie es 1629 auch schon war.“

Bei der Lollfußer Beliebung ist die Beteiligung am Festball, der am nächsten Wochenende stattfindet, so gering, dass der nächtliche Umzug, auf dem die Mitglieder ihren Ältermann nach Hause geleiten, erstmals nicht mehr stattfinden wird. „Wir hatten zuletzt mehr Musiker als Beliebungsbrüder, das macht dann einfach keinen Sinn mehr“, sagt Ältermann Malte Carstensen. Dabei hat seine Beliebung immerhin noch 350 Mitglieder, darunter aber viele Auswärtige, die zum Jahresfest nicht anreisen. In den letzten zehn Jahren ist die Mitgliederzahl um rund ein Viertel gesunken. „Ich bin vor 21 Jahren über meine Eltern zur Beliebung gekommen“, sagt Carstensen. „Heute wird die Tradition in den Familien viel zu wenig weitergegeben.“

Die einzige Beliebung ohne Zukunftssorgen ist die Holmer. Sie hat derzeit 341 Mitglieder – Tendenz steigend. Das hat viel damit zu tun, dass ihr der malerische Holmer Friedhof gehört. Nur wer der Beliebung angehört, bekommt hier eine Grabstelle. Da kann sich die Holmer Beliebung sogar strenge Aufnahmekriterien leisten. Beitreten darf nur, wer aus einer Holmer Familie stammt oder seit mehreren Jahren auf dem Holm wohnt. „Vor Jahren hatten wir mal Nachwuchssorgen“, sagt Sven Morten Petersen, der als Rechnungsführer die Geschäfte der Beliebung leitet. Inzwischen aber floriert sogar die Jugendgruppe wieder, die sogenannten „Stichlinge“, denen Jungen und Mädchen nach der Konfirmation beitreten können.

Aber warum lohnt es sich, den anderen Beliebungen beizutreten? Frank Naß, Ältermann der Friedrichsberger Beliebung, nennt da mehrere Gründe. „Meine Frau und ich sind vor zehn Jahren in den Friedrichsberg gezogen – durch die Beliebung haben wir einen viel engeren Kontakt zur Nachbarschaft bekommen. Man grüßt sich auf der Straße, das Leben in der Stadt ist dadurch viel weniger anonym.“ Außerdem trage die Beliebung zur Persönlichkeitsbildung bei. „Bei uns kommen die Mitglieder auch als Sargträger zum Einsatz, wenn es gewünscht wird. Das ist eine besondere Erfahrung. Man setzt sich schon als junger Mensch viel intensiver mehr mit dem Tod auseinander.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen