Eine Kunstakademie an der Schlei

Corinna Graunke
Corinna Graunke

Barrierefreie Bildungseinrichtung könnte im Sommer 2016 in der Kappelner Albert-Schweitzer-Schule starten

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09. Januar 2015, 17:30 Uhr

Der Auslöser trägt einen Namen: Till Warwas, gebürtiger Bremer und ausstellender Norddeutscher Realist im Kunsthaus Hänisch im vergangenen Sommer. Ihn hatte Corinna Graunke ebenfalls im vergangenen Jahr in seinem Bremer Atelier besucht, Graunke gehörte über die Kappelner Kulturstiftung mit zu den Initiatoren der Ausstellung. „Und dort in seinem Atelier habe ich nicht nur eine beeindruckende Bildersammlung erlebt, sondern zum ersten Mal erfahren, dass eben diese Sammlung vor allem dadurch entsteht, dass er Unterricht gibt“, sagt sie im Rückblick. Regelmäßig würde Warwas sogenannte Sommerakademien abhalten, gemeinsam mit anderen Künstlern Kurse anbieten und sich so eigene Schüler heranziehen. „Und das“, sagt Graunke, „immer nur in Süddeutschland“. In ihrem Kopf wuchs eine Idee heran, sie fand Mitstreiter, Denkansätze wurden konkreter, inzwischen liegt eine grobe inhaltliche Skizze vor. Das Ziel: Im Sommer 2016 soll Kappeln seine eigene Sommerakademie erhalten – die Schlei-Akademie.

Um das zu erreichen, kämpft Corinna Graunke nicht mehr alleine. Mit Stefan Lenz und Dr. Christina Kohla hat sie zwei Menschen an ihrer Seite, die der Sache Antrieb in zwei ganz entscheidende Richtungen gegeben haben. Lenz, Vorsitzender des Wirtschaftskreises „Pro Kappeln“ (WPK) und Geschäftsführer des St. Nicolaiheims und der Kappelner Werkstätten, hat mit seiner Albert-Schweitzer-Schule in Sundsacker die idealen Räume und eine funktionierende Infrastruktur an der Hand. Christina Kohla, bis Ende vergangenen Jahres künstlerische Leiterin des Kunsthauses Hänisch, hat genaue Vorstellungen davon, welchen künstlerischen Anspruch die Akademie erfüllen will, und kennt die Leute, die dazu beitragen können. Inzwischen sind auf diese Weise mit dem St. Nicolaiheim, dem WPK, dem Profundus-Kulturverein und der Stadt Kappeln vier potenzielle Träger im Boot. Denn auch wenn sich die Schlei-Akademie in erster Linie als schulische Einrichtung versteht, die künstlerisch wertvolle Inhalte vermitteln will, verfolgt sie einen zweiten Ansatz: Sie will barrierefrei sein, zugänglich für Menschen ohne und mit wie auch immer gearteten Einschränkungen, erlebbar für jeden, der sich künstlerisch weiterbilden möchte.

Stefan Lenz nennt das „ein einmaliges Projekt“, vor dessen Realisierung allerdings noch jede Menge Arbeit steht. Mit der Albert-Schweitzer-Schule, ein Förderzentrum für Kinder mit teils schweren Mehrfachbehinderungen, wäre schon mal der Unterrichtsort vorhanden. Erst vor vier Jahren für 2,4 Millionen Euro saniert, umgebaut und ergänzt, ist sie komplett barrierefrei, verfügt über Gruppen- und Ruheräume, Fahrstühle, ein großes Foyer, eine Tischlerwerkstatt und sogar eigene Keramiköfen. Christina Kohla sagt: „Diese Schule hat alles, was man sich wünschen kann.“

Die Kunstexpertin bestätigt den Eindruck, dass Einrichtungen für Bildende Künste in Schleswig-Holstein eher rar gesät sind. Auch deshalb hat sie bereits mit einer Reihe von Künstlern über das Kappelner Akademie-Projekt gesprochen. Ihre Überzeugung ist klar: „Die Idee kann nur funktionieren, wenn man professionelle Künstler dafür gewinnt“, sagt Kohla. Deren Unterricht, gepaart mit Vorträgen, Workshops und einer von den Schülern erarbeiteten Ausstellung bilden die Grundlage einer erfolgreichen Sommerakademie. Im Idealfall könnten fünf, maximal sieben Klassen im Sommer 2016 starten, für sechs Wochen wäre Kappeln ihre Heimat – auch ein neues Potenzial für die Tourismusbranche.

Dabei soll es eben überhaupt keine Rolle spielen, ob die Kunstinteressierten in irgendeiner Form eingeschränkt sind oder spezielle Bedürfnisse haben. Stefan Lenz weiß um die Herausforderungen, die dieser Ansatz mit sich bringt, und genauso wenig wie seine Mitstreiter will er ihnen aus dem Weg gehen. „Unabhängig davon, ob jemand pädagogische Unterstützung braucht oder einen speziellen Pflegebedarf, soll es völlig selbstverständlich sein, dass er an der Akademie teilnimmt“, sagt Lenz. Barrierefrei nicht nur in den Unterrichtsräumen, sondern eben genauso im Kopf. Inklusion lautet das Gebot der Stunde.

Kohla, Lenz und Graunke wissen, dass Etliches ihrer Gedankenspiele noch viel Detailplanung nach sich zieht, aber sie sind zuversichtlich, gemeinsam zumindest einen fixen Drei-Jahres-Plan auf die Beine stellen zu können. Corinna Graunke: „Wir verbinden kaufmännisches Wissen und ein etabliertes Netzwerk mit künstlerischem Sachverstand – daraus kann ein ganz tolles Projekt für Kappeln werden.“ Dieses Jahr wollen sie nutzen, um Konzeptionen auszuarbeiten und Förderanträge zu stellen. Und wenn die Akademie erst einmal läuft, soll sie keine Konkurrenz, sondern eine Bereicherung für die anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt sein.

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