Ulsnis : Eine Insel im Schlepp

„Schilfjäger“ Karl Walther transportiert mit der „Lotta“ eine Schilfinsel nach Kieholm.
„Schilfjäger“ Karl Walther transportiert mit der „Lotta“ eine Schilfinsel nach Kieholm.

Der Verein „Kleine Insel in der Schlei Kieholm“ will die Erosion des Eilandes mit Schilf bekämpfen. Claus Kuhl hat sich mit Karl Walther auf den Weg gemacht - und eine Schilfinsel ins Schlepptau genommen.

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31. März 2014, 07:45 Uhr

Es ist 6.30 Uhr morgens und ich sitze gemeinsam mit Karl Walther in der „Lotta“, einem ehemaligen Fischerboot auf der Schlei. Und wir haben eine Insel im Schlepp. Unsere Schlepplast ist eine sogenannte „Schilfinsel“, wie sie auf dem Ostseefjord oft anzutreffen ist. Sie entsteht dadurch, dass ein Schilffeld von der Schlei unterspült wird, sich bei Hochwasser sowie Wind losreißt und dann durch den Auftrieb ihrer selbstgeschaffenen Torfschichten auf der Schlei treibt. Schilfinseln sind insbesondere bei Besitzern von Anlegebrücken unbeliebt. Denn wenn sie hängen bleiben, blockieren sie Anlegeplätze, sind schwer zu beseitigen. Unsere ist etwa 150 Quadratmeter groß, wiegt 15 Tonnen und hat als Besonderheit eine etwa 20 Jahre alte Eiche, die auf ihr wächst. Dort ist unser Zugseil festgemacht.

Die Schilffläche soll an der Insel Kieholm verankert werden und sie vor Erosion schützen. Denn diese zur Gemeinde Ulsnis gehörende „Liebesinsel“ wird immer kleiner. Bei der preußischen Landvermessung 1783 wurde sie noch mit 7300 Quadratmetern angegeben. Nach neuesten Messungen sind es gerade noch 1600. „Wir kleiden die Ufer, die inzwischen verschwunden sind, mit Schilf neu ein“, erklärt Walther. Damit könne man das Verschwinden der Insel zwar nicht gänzlich verhindern, aber um mehrere Jahrzehnte aufhalten. Er, der auch gerne als „Schilfjäger“ verspottet wird, ist Vorsitzender des Vereins KISK (Kleine Insel in der Schlei Kieholm) und will diese Erhebung in der Schlei als Brutplatz für Graugänse, Uferschwalben, Schilfrohrsänger und anderes Wassergeflügel erhalten.

Vor zwei Tagen hat er die Schilfinsel vom Missunder Noor bis nach Schleihof geschleppt und dort vertäut. Für die zwei Meilen lange Strecke brauchte er vier Stunden. Die schon für diesen Zeitpunkt geplante Anlandung klappte wegen der speziellen Strömungsverhältnisse nicht.

Heute soll ein zweiter Versuch starten. Dabei muss die etwa 35 Jahre alte „Lotta“ mit ihrem Zehn-PS-Motor die schwimmende Insel gegen den mit Stärke 2 bis 3 blasenden Ostwind vom Ufer lösen und um die Insel herumziehen. Die Nervenanspannung ist groß, bis sicher ist, dass wir die Insel vom Ufer gelöst haben. Dann helfen Wind und Strömung mit. Bei Annäherung an Kieholm verlassen rund 300 Kormorane die Insel, die es ebenso wie die Möwen auf die Eier der Graugänse abgesehen haben, die hier bald brüten wollen. Die Gänse bleiben länger und verschwinden erst, als wir kurz vor der Landung stehen. Sie werden nach unserer Abfahrt vermutlich als erste wieder da sein und ihre Gelege gegen Räuber verteidigen können.

Inzwischen ist die Schilfinsel von der Strömung erfasst worden und will an der geplanten Uferstelle vorbei treiben. Auch mit vereinten Kräften gelingt es uns beiden Männern nicht, den auch noch vom Wind getriebenen 15-Tonnen-Koloss zurückzuziehen. Wir können ihn von Land aus nur ein wenig lenken. Dann taucht ein neues Problem auf. Denn die treibende Masse bewegt sich so, dass unser Boot bald eingeklemmt ist. Während Walther es aus der Gefahrenzone bringt, halte ich die Insel mithilfe einer Wurzel alleine. Das kostet Kraft und Nerven. Dann ist die neue Schilffläche mit Seilen an den Bäumen der Insel befestigt. „Bei Hochwasser ziehen wir sie dann mit Seilzügen in die richtige Position“, meint der KISK-Vorsitzende und fährt pragmatisch fort: „Oder wir lassen Sie an dieser Stelle liegen.“

Während Walther noch ein gestohlenes Schild ersetzt, mit dem etwaige Besucher gewarnt werden, das unter Naturschutz stehende Gelände zu betreten, lasse ich meinen Blick über die Insel schweifen, auf deren Fläche dicht an dicht Gelege verteilt sind – auch ausgeraubte, von denen nur noch zerbrochene Schalen zeugen. Die schwimmende Fläche, auf der ich mich bewege, ist trocken und trügerisch. An einer Stelle breche ich durch und muss mit einem nassen Schuh zum Boot gehen, auf dem ich zum Glück heil ankomme. Der Wind ist auf Stärke vier aufgefrischt. „Bei diesem Wind hätten wir den Transport mit meinem Boot nicht geschafft“, meint der Skipper bei der Rückfahrt. Wir werfen noch einen Blick auf die neue Inselfläche, die bereits wieder von den Graugänsen in Besitz genommen wird.

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