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Frei.Wild-Frontmann Philipp Burger : „Eine Demokratie muss Bands wie Frei.Wild aushalten“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Frei.Wild-Sänger Philipp Burger spricht im Interview mit den Schleswiger Nachrichten über seinen Auftritt auf dem Baltic Open Air, sein Statement gegen Fremdenfeindlichkeit und seine rechtsradikale Vergangenheit.

„Ihr seid scheiße.“ Mit dieser Botschaft an einen Teil der eigenen Fans hat die umstrittene Südtiroler Band Frei.Wild kürzlich ein für viele überraschend deutliches Bekenntnis gegen Fremdenfeindlichkeit geliefert. Ihr Auftritt auf dem Baltic Open Air an diesem Wochenende ist das erste öffentliche Konzert von Frei.Wild nach diesem Statement. Über die Beweggründe und die Folgen sprach Sänger Philipp Burger mit unserem Redaktionsmitglied Ove Jensen. Wer die Akteure im Streit um den Auftritt der Band sind und wie ihre Positionen lauten, lesen Sie in einer Chronologie.

Frei.Wild hat kürzlich auf Facebook so deutlich wie nie zuvor gegen Fremdenhass Stellung bezogen. Warum zu diesem Zeitpunkt?
Vielen Dank erstmal für die erste richtige Möglichkeit, in Ihrem Medium auf unsere Sicht der Dinge und die andauernd aufgekochten Vorurteile gegen uns, die Musikrichtung Deutschrock im Allgemeinen, aber auch auf unseren bevorstehenden Auftritt beim Baltic Open Air einzugehen. Zu Ihrer Frage: Bei Fremdenhass beantwortet bereits das Wort selbst die Frage. Hass ist in keiner Form tolerierbar, nicht gegen Fremde, gegen niemanden. Hass macht blind, beratungsresistent, ist ein psychischer Defekt, der immer die selben Mechanismen freisetzt, verwerfliche, trügerische, fast immer menschenverachtende und per se falsche.

Warum äußern Sie sich gerade jetzt so deutlich?
Wir haben unsere Ansichten zu allen Extremen schon immer in unzähligen Songs, Interviews, Statements, Videos, aber auch Aktionen klar bekundet, also ist das grundsätzlich keine Neuheit. Nur leider hat die Verteufelung vieler Medien auch sehr radikale Fans angespült. Diese Karte gebe ich zu hundert Prozent an die undifferenzierte Berichterstattung zurück. Durch die gerade unglaublich hoch lodernde Hass-Flamme und in unserem Fall die nicht endenden Posting-Aktivitäten irgendwelcher Idioten auf unseren Internet-Seiten, die wir anfangs verwarnt, dann endgültig geblockt haben, hatten wir in den letzten Wochen das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Wir mussten handeln. Wir hatten irgendwann die Schnauze endgültig voll und das große Bedürfnis, unsere Fans zu warnen, auch dazu zu bringen, von Fall zu Fall zu urteilen, immer differenziert zu denken, aber dennoch eine Haltung zu haben und wenn gewollt, auch Stellung zu beziehen, aber in erster Linie stets mit Bedacht zu handeln. Vor allem Eines wollten wir unseren Fans mitgeben: Selbst zu denken und sich vor keinen Karren spannen zu lassen. Diese wahrlich stark an Gewicht zugenommenen Aktionen auf unseren und vielen anderen Bandseiten, wo Leute mit perfiden Gedanken – und fast immer unter den selben Flaggen segelnd – ihre Netze auswerfen und uns als Band sogar wissentlich und immer wieder Schaden zugeführt haben, konnten wir nicht länger hinnehmen. Auch finden wir es mit unserem christlichen Glauben nicht vereinbar, Menschen, die gerade alles verloren und aufgegeben haben, hier erneut mit Zorn, Hass und Gewalt zu begrüßen. Dafür steht weder die Band, noch ihre Familie dahinter.

Sie haben ja auch eine deutsche Partei, nämlich die AfD, scharf kritisiert.
Hier liegt ein großes Missverständis vor, das wir bereits in zwei Folgestatements aufdeckt haben. Es geht nicht um die AfD per se. Wir wissen, dass es bei ihr auch viele Menschen gibt, die wir für aufrichtig, korrekt und menschlich absolut unbedenklich halten. Das wird auch der Großteil sein, wie in fast allen Parteien. Das Problem ist nicht die Partei und deren Inhalte. Sie befindet sich im absolut demokratischen Rahmen und hat mit Sicherheit auch sehr lobenswerte Inhalte wie so ziemlich jede andere Partei auch. Nur muss sie sofort und unbedingt mehr darauf achten, welche politischen Irrläufer sich unter ihrem Logo versammeln und versammelt haben. Wir hatten insbesondere in den letzten Tagen viel Schriftwechsel mit Menschen, die ihr Unverständnis über unsere konkrete Nennung insbesondere der AfD freien Lauf gelassen haben. Diese Verallgemeinerung war auf der einen Seite sicherlich falsch und entgegen unserer Art, aber für die Zielführung dennoch notwendig. Die Angesprochenen haben unsere Ansichten verstanden und teilweise auch dankend angenommen, ja anscheinend auch an die Parteileitung weiter gegeben. Ich denke, wir haben uns in Sachen Fremdenhass erneut klar und unmissverständlich positioniert und auch viele AfD-Mitglieder dafür sensibilisiert, etwas genauer auf vermeintliche Gleichgesinnte zu achten.

Wen würden Sie denn wählen, wenn Sie deutscher Staatsbürger wären? Würden Sie überhaupt wählen?
Natürlich würde ich wählen, es ist schließlich meine Pflicht, auch den absoluten Mindestbeitrag für die Entwicklung des Landes zu leisten. Was wir wählen würden: Mitte-Konservativ, wie schon immer. Den Rest entscheidet das Bauchgefühl bei den Kandidaten und die Programme dahinter. Grün aber auf keinen Fall.


Werden Sie beim Baltic Open Air auf der Bühne die Stellungnahme gegen Fremdenfeindlichkeit wiederholen?
Auch das entscheidet der Bauch. Primär freuen wir uns auf eine fette Rockshow, ein tolles Festival und weniger auf eine von der Bühne gejagte Stellungnahme. Unsere Ansichten und Sensibilisierungen, menschlich zu agieren, sind und waren immer ernst gemeint, klar und deutlich. Unsere Lieder sind grundsätzlich ultra-klare Statements, den Rest entscheiden wir wie gesagt vor Ort.

Was können Ihre Fans darüber hinaus von Ihnen beim Konzert in Schleswig erwarten?
Eine Band, die sich tierisch freut auf den hohen Norden, gutes Bier, hübsche Mädels und tolle Menschen. Auf ein fettes Open Air, eine noch fettere Frei.Wild-Show und im Anschluss dann eine lustige After-Show Party.

Sie haben sich ja auch klar von einem Teil Ihrer eigenen Fans distanziert. Mit welchen Reaktionen rechnen Sie beim BOA?
Mit wie immer bester Stimmung, lauten Gesängen und viel Bewegung vor der Bühne. Ich glaube, es geht und ging in der Geschichte von Frei.Wild auch immer um eine Sache. Diese Band ist nicht einfach zu verstehen. Bereits unsere Geschichte Südtirols, unser Aufwachsen, mein Aufwachsen, aber auch unsere Entscheidungen, uns von niemanden abhängig zu machen, alles selber zu tun und nur auf unser Herz und niemanden sonst Rücksicht zu nehmen, machte und macht uns auch weiterhin bei vielen beliebt, bei vielen aber auch unbeliebt. Wir sind eine Band, die nicht belanglos sein möchte, weil sie eben den Menschen etwas zu sagen hat, auf Missstände hinweist und für Freiheit eintritt, aber auch für Heimatliebe, Tradition, insbesondere aber auch für Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Dass man damit vielen Menschen vor den Kopf stößt und es dennoch schafft, immer weiter Leute auf Kurs zu bringen und von dieser Band und ihren Fans überzeugen kann, ist ein kleines Wunder, das durch das tatsächlich unglaublich anhaltende mediale Dauerfeuer auch uns immer wieder Rätsel aufgibt. Aber hey, diese Band macht Spaß, wir haben unglaublich treue Fans, diese Band ist ein großer Teil unseres Lebens und schlussendlich soll und muss es immer ums Gute im Menschen gehen. Wer damit ein Problem hat, kann sich gerne eine andere Band suchen, gibt ja genug da draußen im großen, weiten Musikzirkus. Manche sind Clowns, und manche sind Zauberer. Realität darf aber nicht der Illusion weichen.
 

Ihre Gegner, die zum Boykott des BOA aufrufen, kritisieren nicht nur Ihren Auftritt sondern auch Kevin Russell und die Band „Kärbholz“. Was halten Sie von diesen Künstlern?
Wir haben uns oft positiv, aber noch nie negativ zu anderen Künstlern geäußert, auch wenn wir selbst oft Gegenteiliges erfahren haben. Das werden wir auch so fortführen. Auf alle Fälle sind es Bands, die bei vielen Hörern gute Laune machen und die wie wir öfter unter Druck sind. Ich denke – und das möchte ich unterstreichen –, dass ein demokratisches Land mit vermeintlicher Meinungsfreiheit Bands wie uns aushalten muss und erkennen sollte, dass wir alle alles andere als die Bestien von Rechtsaußen sind, sondern Menschen, die vielleicht nicht ins klassische Rock-Punk-Pop-Schema von Linksaußen passen, aber in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen sind.

Ihre Gegner werfen Ihnen auch Ihre Vergangenheit als Mitglied der Band „Kaiserjäger“ vor. Wie kam es, dass Sie Teil der rechten Szene wurden? Und warum haben Sie sich von ihr abgewandt?
Also, reingerutscht bin ich aus dem alleinigen Grund der jugendlichen Dummheit, der Naivität und dem typisch pubertären Willen, andere Leute schon durch mein Aussehen zu provozieren. Nach drei Jahren kam endlich die Erleuchtung, kam die erste große Liebe und mein Wunsch, aus meinem Leben was zu machen, auch andere davor zu warnen, auf vermeintliche Freunde blind und eigentlich entgegen seiner inneren Stimme zu hören. Dann kam die Klugheit (lacht).

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erstellt am 28.Aug.2015 | 12:21 Uhr

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