Eine Ärztin am anderen Ende der Welt

Die Kinderstation: Viele Patienten auf wenig Raum.
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Die Kinderstation: Viele Patienten auf wenig Raum.

Dr. Silke Bertram arbeitete vier Jahren an Krankenhäusern in Papua-Neuguinea / "Die Menschlichkeit hat mich sehr beeindruckt"

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20. Juni 2012, 07:06 Uhr

Schleswig | Es vergeht kaum ein Tag, an dem Dr. Silke Bertram (45) nicht an Papua-Neuguinea denkt. Auf der anderen Seite des Globusses habe sie ihre Seele vergessen, sagt die Schleswiger Medizinerin. Dort ist sie eingetaucht in eine Kultur, die sie anfangs irritierte, manchmal erschreckte - aber die ihre Sicht auf Werte neu geordnet hat. Vier Jahre war sie in dem nördlich von Australien gelegenen Land als Ärztin in verschiedenen Krankenhäusern tätig. Sie blickte in Abgründe, erlebte aber auch große Mitmenschlichkeit. Und schließlich entdeckte sie, dass die Früchte der westlichen Zivilisation keine Heilsbringer für die ganze Welt sein müssen. Ihre Erfahrungen hat sie nun in einem Buch veröffentlicht.

Silke Bertrams Reise begann 2001. Über den evangelischen Entwicklungsdienst und den Verband "Mission: Eine Welt" erhielt sie eine Stelle in Papua-Neuguinea. Mit Ehemann und drei Kindern, allesamt abenteuerlustig, zog sie in die Ferne und benötigte zunächst ein halbes Jahr der Eingewöhnung. Als Ärztin in einem 180-Betten-Krankenhaus auf dem Land ist man für alles zuständig. Innerhalb weniger Monate musste sie sich in nahezu alle medizinischen Gebiete einarbeiten und nebenbei die Sprache erlernen.

Schnittwunden, Malaria und Tuberkulose waren die häufigsten Gründe, wenn es Patienten in ihr Krankenhaus zog. Schnelles Handeln war gefragt bei der Behandlung von Überfall-Opfern. Doch die größte Hürde, die die Ärztin überwinden musste, war es, jeglichen missionarischen Eifer abzulegen. Sie hat gelernt: "Wir sollten unsere westlich geprägten Vorstellungen nicht auf andere Kulturen übertragen." Sie erlebte, wie eine sechsfache Mutter eine Sterilisation ablehnte, weil der Clanchef den Eingriff untersagt hatte. "Sie müsse noch ein Kind bekommen, hatte der Clanchef gesagt." Zudem bestürzte es sie, wenn eine Mutter ein Neugeborenes an Verwandte verschenkte, die keine eigenen Kinder bekommen konnten. "Nach unseren Begriffen wäre das undenkbar. Dort gilt es als Akt der Mitmenschlichkeit."

Insbesondere die Menschlichkeit ist es, die Silke Bertram nicht mehr losließ. Die Menschen seien "unglaublich herzlich und freundlich". Der Zusammenhalt sei groß, Individualisierung gebe es nicht. Man lebe jetzt, denke nicht an die Zukunft, sei aber in allem sehr autark. "Nach unseren Begriffen sind die Menschen dort unendlich arm", so die Ärztin, "aber sie fühlen sich nicht so." Sie seien sich ihrer Situation sehr bewusst: "Sie sagten mir: Wir haben etwas, was du für Geld nicht kaufen kannst, die Freiheit."

Familiäre Bindungen waren es schließlich, die Silke Bertram zur Rückkehr nach Deutschland bewogen. Ihr ältester Sohn war mittlerweile zwölf Jahre alt, sollte eine weiterführende Schule besuchen. Die nächstliegende Möglichkeit wäre ein Internat in Australien gewesen. "Mein Mann und ich wollten nicht, dass die Familie auseinander gerissen wird." So verschlug es die gebürtige Freiburgerin nach Schleswig, wo sie am damaligen Martin-Luther-Krankenhaus eine Stelle fand. "Nach so viel Gemeinschaft in Papua-Neuguinea fühlten wir uns in Deutschland anfangs sehr einsam."

Eine Rückkehr schließt sie nicht aus. Zuletzt war sie 2009 in ihrer zweiten Heimat, wurde von Freunden so herzlich aufgenommen, als wäre sie keinen Tag weg gewesen. Aber ganz gleich ob in Deutschland oder in Papua-Neuguinea: Ihre Sicht auf die Welt ist heute eine andere als früher. "Ich bin gelassener geworden, und ich habe gelernt, mit dem Herzen zu denken."

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