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Schleswiger Nachrichten

19. Oktober 2017 | 22:36 Uhr

Herta Kuhlendahl : Eine 100-Jährige am Computer

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Sie kümmert sich trotz ihres biblischen Alters noch um alles selbst: Herta Kuhlendahl aus der Danziger Straße hält ihre Wohnung in Schuss, erledigt die täglichen Einkäufe und kocht sich ihr Mittagessens. Und mit ihren Urenkeln kommuniziert sie per Internet.

shz.de von
erstellt am 26.Sep.2013 | 09:30 Uhr

Der Rechner fährt hoch, der Monitor leuchtet auf, nur die Computermaus macht Zicken. Das Kabel hat sich verheddert, doch Herta Kuhlendahl scheint das Problem zu kennen. Ein bisschen zerren, ein bisschen ruckeln, dann ist alles betriebsbereit. Der Computer ist der alten Dame wichtig, erst vor wenigen Jahren hat sie den Umgang damit gelernt. „Darüber verständige ich mich mit meinen Urenkeln“, sagt sie.

Am heutigen Donnerstag benötigt sie ihren Rechner nicht, denn fast alle, die ihr wichtig sind, hat sie an ihrem Ehrentag um sich. 100 Jahre wird Herta Kuhlendahl heute alt. Doch das biblische Alter merkt man ihr nicht an. Die Augen strahlen, der Mund lächelt verschmitzt, die Stimme klingt freundlich-klar. Aufrecht und kein bisschen gebeugt sitzt sie auf dem Sofa in ihrer gemütlichen Wohnung in der Danziger Straße und lässt sich zu ihrem Leben befragen – ein Leben, das geprägt ist von Disziplin, Bescheidenheit und Glück, aber auch von Schicksalsschlägen und erst recht von dem unbedingten Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Geboren wurde sie in Schweidnitz in Schlesien. Mit einem Bruder und einer Schwester wuchs sie auf. Die beiden Weltkriege ließen die Lebenswelt der Familie auf schreckliche Weise aus den Fugen geraten. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten die Eltern mit ihren Kindern aus Schlesien flüchten, der Zweite Weltkrieg forderte von ihnen einen hohen Blutzoll. Wenige Tage nach dem Angriff auf Polen fiel ihr Bruder im Alter von 21 Jahren. Die Schwester erlag wenige Jahre später mit 31 der Tuberkulose, der Vater starb auf der Flucht.

Herta Kuhlendahl, inzwischen verheiratet und Mutter einer Tochter, gelangte mit ihrem Mann über Umwege nach Schleswig zu Freunden. Später kam ihre Mutter dazu. In den ersten Jahren lebten sie zu viert in einem Zimmer. Am 1. Dezember 1954 zog die Familie in ein neuerrichtetes Mehrfamilienaus in der Danziger Straße, wo Herta Kuhlendahl noch heute lebt: „Da waren wir glücklich.“

1967 starb ihr Mann. Die Tochter wohnte mittlerweile in Darmstadt. In Schleswig lebt Herta Kuhlendahl seitdem allein, doch einsam ist sie nicht. Die gelernte Buchhalterin hat Freundinnen – und die Kirche, für die sie von 1968 bis 1978 im Büro gearbeitet hat. Der regelmäßig stattfindende Kirchenkaffee ist ihr genauso wichtig wie die Treffen der Landsmannschaft Berlin/Brandenburg. Und auch die täglichen Ausflüge gehören zu ihrem Lebensrhythmus dazu. Erst seit wenigen Jahren benötigt sie dafür einen Rollator.

Damit geht’s zum Einkaufen. Die Zeitungsleserin Kuhlendahl hat kritisch verfolgt, dass ihr Supermarkt an der Breslauer Straße dichtmachen musste. Acht Gehminuten waren es bis dahin, dann 15 Minuten bis zu Sky an der Schubystraße. Für den Weg zum neuen Sky-Markt am Stadtfeld benötigt sie 20 Minuten. „Nur für den Rückweg nehme ich mir eine Taxe – wegen der Einkäufe.“

Herta Kuhlendahl ist zufrieden. Sie genießt ihre Selbstständigkeit, kocht sich täglich ein Mittagessen, kümmert sich um die Pflege ihrer Wohnung. Gibt’s etwas in ihrem Leben, das sie anders gemacht hätte? „Eigentlich nicht“, sagt die alte Dame, überlegt kurz und dann fällt ihr doch noch etwas ein: „Ich hätte gern den Führerschein gemacht.“

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