Bilder aus dem Warschauer Ghetto : Einblicke in die Hölle

Spontan signierte Ingelene Rodewald das Buch über das Leben ihrer Tante.
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Spontan signierte Ingelene Rodewald das Buch über das Leben ihrer Tante.

Im Prinzenpalais wurde ein Buch über Helmy Spethmann vorgestellt, die 1941 heimlich das Elend im Wahrschauer Getto fotografierte.

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30. Januar 2015, 07:41 Uhr

Das Vermächtnis von Helmy Spethmann (1891-1979) ist 100 Seiten dick, trägt den Titel „Zeugin des Grauens“ und wurde am Mittwochabend von ihrer Nichte Ingelene Rodewald vor 40 interessierten Zuhörern im Landesarchiv im Prinzenpalais vorgestellt. In dem Buch zeichnet sie die einzelnen Lebensstationen ihrer Tante nach, die alle auf einen zentralen Punkt zulaufen: Helmy Spethmanns verbotene Besuche im Warschauer Getto 1941 und 1942, die sie heimlich mit ihrer Aquakamera dokumentierte.

Was die damalige Krankenschwester zu diesen Besuchen bewogen hat, wird für immer ihr Geheimnis bleiben, denn sie hat sich nie jemandem anvertraut. Dass ihre Fotos nicht das gleiche Schicksal ereilten, sondern nach über 70 Jahren ein Stück weit das Sprechen für sie übernehmen können, ist der Hartnäckigkeit ihrer Nichte zu verdanken. Dabei wusste diese jahrelang gar nicht, welches historische Erbe Helmy Spethmann ihr überlassen hatte. Schließlich beinhaltete das Fotoalbum, das ihre Tante ihr am Sterbebett anvertraut hatte, nur Aufnahmen von Krankenschwestern und Ärzten. Dennoch – egal wo Ingelene Rodewald hinzog, das Fotoalbum kam mit. Erst nach Kanada, dann wieder zurück nach Deutschland. „Die Bilder bedeuteten mir nichts, aber ich hatte es versprochen“, sagt sie.

Erst nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 2004 beschäftigte sie sich intensiver mit dem Album und fand zwischen Einbanddeckel und Bezug die Aufnahmen aus dem Warschauer Ghetto. Einige der Fotos wurden nun an die Wand des Lesesaals projiziert. Sie zeigen Menschen, die auf engstem Raum unter unwürdigen Bedingungen zusammenleben. Und sie zeigen Tote. Bilder seien historische Quellen, die auf ihre ganz eigene Art erzählen würden, sagte Frank Golczewski, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg. „Jeder von Ihnen weiß, dass Bilder letztendlich nicht die Realität darstellen.“

Das fange schon damit an, dass die Bilder schwarz-weiß seien, zudem gingen die realen Eindrücke viel weiter: „Das war ein Ghetto – wir müssen uns also den Gestank in diese Bilder denken.“ Zudem „fühlen wir nichts von dem, was die Fotografin gefühlt hat“. Bilder seien daher immer subjektive Artefakte, deren Interpretation nicht ohne Hintergrundwissen zum Fotografen gelingen könne. Dies habe Ingelene Rodewald mit dem Buch geleistet: „Sie wandte sich der Person zu.“

Unter dem Eindruck der Bilder hätte sie das Leben ihrer Tante aufgeblättert, so Ingelene Rodewald, um ihre Motivation zu verstehen. Ihre Tante sei ebenso wie ihre eigene Mutter geprägt gewesen durch ein demokratisches Elternhaus, „das auch mich vor dem Sumpf bewahrt hat“. Daher ist sie überzeugt davon, dass ihre Tante die Verbrechen an den Juden dokumentieren und später veröffentlichen wollte. Doch dazu kam es nicht mehr, denn, so vermuten sie und Professor Golczewski, der kurze Moment des Entsetzens habe zu einem Bruch in der Vita von Helmy Spethmann geführt – das Elend ließ sie mental zerbrechen. So litt Helmy Spethmann unter Schlaflosigkeit, verlor an Gewicht, hörte Stimmen und wurde noch während des Krieges arbeitsunfähig. „Man hat sie im Hamburger Universitätsklinikum ruhig gestellt“, so Rodewald. Ihre Tante erholte sich zwar, aber über ihre Zeit in Warschau habe sie nie ein Wort verloren.

Angesichts des letzten Wunsches ihrer Tante ist Ingelene Rodewald überzeugt davon, dass sie ihr zugetraut hatte, das zu vollbringen, wozu sie selber nicht mehr in der Lage gewesen war: Die Fotos aus dem Warschauer Ghetto zu veröffentlichen und ihrer Tante eine Stimme zu geben. „Insofern bin ich in Vertretung für Helmy hier, schloss sie. Und appellierte an das Publikum: „Wenn jemand stirbt und eine letzte Bitte hat, muss man dieser Bitte nachkommen.“

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