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Schleswiger Nachrichten

20. Oktober 2017 | 03:50 Uhr

Ein wenig wie Klaus Kinski

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

SN-Serie „Neu am Landestheater“: Schauspieler Christian Simon / Ausbildung an einer der bedeutendsten Kunsthochschulen Deutschlands

von
erstellt am 25.Nov.2014 | 12:47 Uhr

Er erinnert mit seinen großen melancholischen Augen sowie mit seinem leidenschaftlichen Gesicht ein wenig an Klaus Kinski. Wenn es also je eine Theaterfassung von „Fitzcarraldo“ geben sollte, wäre er unsere Empfehlung: Verrückt genug müsste er spielen können, aber nicht so gemeingefährlich sein, wie Kinski es war. Die Rede ist von Christian Simon, seit Mitte des Jahres Schauspieler am Landestheater. Man konnte ihn erleben bei der Wiederaufnahme des erotischen Schauspiels „Der Reigen“ oder auch bei den Vorstellungen von „Kleiner Mann, was nun?“.

Von der DDR hat der 1986 geborene Christian nichts mehr viel mitbekommen. 1992 wurde er in Evershagen eingeschult. Das war übrigens das Jahr, in dem sich im benachbarten Lichtenhagen der Fremdenhass an vietnamesischen Asylanten austobte. Christian Simon dagegen wuchs behütet auf, will man den Terror der schweren Erkrankungen nicht rechnen, die sein Immunsystem schwächten und seine Jugend vergällten. Erst als er 16 Jahre alt war, stabilisierte sich sein Gesundheitszustand. Gewinn für den späteren Schauspielerberuf nahm Christian Simon von einer Lehrerin mit, die an seiner Gesamtschule „Darstellendes Spiel“ unterrichtete, und auch von der Theater-Arbeitsgemeinschaft an der Realschule Papendorf. Da ahnte er freilich noch nicht, wohin die Reise gehen würde.

„Als ich dann in Rostock aufs Gymnasium ging, wollte ich plötzlich mehr vom Theater wissen.“ Zweimal in der Woche ging Christian Simon in den Jugendclub des Volkstheaters. „Ich hing in der Kantine rum in der Hoffnung auf einen Kontakt zur Schauspieldirektorin des Theaters. Irgendwann hat es dann geklappt.“ Während eines siebenmonatigen Praktikums lernte er also Johanna Schall kennen, eine Enkelin Bertolt Brechts. „Eine krasse Respektsperson. Sie hatte ein gutes Auge für das Geschehen auf der Bühne und war sehr genau.“ Christian Simon ist stolz darauf, dass er während seiner kurzen Hospitanz in ihrem Haus mehrmals in kleinen Rollen eingesetzt wurde.

Man kann wohl sagen, dass ihn die kurze Zeit am Rostocker Volkstheater endgültig in Schwung gebracht hat. Nach dem Abitur wagte Simon sich an den Hürdenlauf des Vorsprechens an den Schauspielschulen in Hamburg, Bochum und Essen heran, wo er den Sprung an die Folkwang-Universität, eine der prominentesten Kunsthochschulen Deutschlands, schaffte. „Die Theaterabteilung unterhielt mit fünf Sparten alle Bereiche eines großen Theaters und bediente mit ihren Studenten-Ensembles viele Theater der Region.“ In den Augen Simons eine Win-win-Situation, durch welche die Schauspielschüler Praxis und die Theater ökonomische Inszenierungen erhielten.

Wie erlebte Christian Simon außer den schon erwähnten Vorzügen die besonderen Qualitäten der Folkwang-Hochschule? Er nennt vor allem zwei Dozenten, die seine Entwicklung prägten: den großen Schauspieler Martin Horn und Mustafa Daniels. Horn verlangte, dass der Schüler körperlich in seine Rolle hineingeht. Simon denkt einen Augenblick nach und bekräftigt: „Ja, körperlich. Wie ein Fußballspieler.“ Horns Maxime lautete: „Beherrschst du deine Rolle nur sprachlich, beherrschst du sie nur zur Hälfte. Schmeiß alles hinein, was du hast.“

Mustafa Daniels wiederum war der Meister der Interaktion mit dem Partner auf der Bühne. „Der Vater, mit dem du einen Konflikt austrägst, das Mädchen, das du anbetest, für sie musst du deine Sinne schärfen“, forderte er.

Nach vier Jahren des Studiums in Essen folgte für den jungen Diplom-Schauspieler die Nagelprobe: Das Vorsprechen vor den eingeladenen Intendanten verschiedener Theater. Einer von ihnen entschied sich ohne Zögern für Simon. Das war Gerhard Hess vom Theater in Wilhelmshaven. Das Theater pflegte nur eine Sparte, das Schauspiel. Der leidenschaftliche Theatermann ließ dabei nicht etwa eine Boulevard-Komödie nach der anderen aufführen, um dem Publikum zu gefallen, sondern mutete ihm die großen Klassiker ebenso zu wie zeitgenössische und junge Autoren. Der Intendant sagte zu Simon einmal: „Ich versuche für Wilhelmshaven das gleiche Theater zu machen, wie ich es auch in einer Großstadt tun würde.“ Christian Simon hat nie bereut, Angebote einiger größerer Theater ausgeschlagen zu haben. „Wilhelmshaven war eine gute Wahl.“ Intendant Hess stand einem gesunden Theater vor, konnte gut mit den Ministerien, sprich: Geldgebern. Er bot Simon also eine gesicherte schauspielerische Heimat und tat alles für dessen Entwicklung. Schon bald gab er ihm die anspruchsvolle Rolle des „Octavius Cäsar“ in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“, dann die des „Romeo“ in „Romeo und Julia“, dann die Rolle des „Edmund“ in O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Und so fort.

Aus den geplanten zwei Jahren in Wilhelmshaven wurden vier. Das Zusammenwirken mit Hess endete, als der Intendant in Pension ging. Aber so nachhaltig war das Interesse des alten Chefs an seinem Schauspieler Simon, dass er sich unter die Zuschauer im Landestheater setzte, als dieser hier seine erste Rolle in „Kleiner Mann, was nun?“ spielte.

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