Ein Weltraumforscher aus dem Lollfuß

Karl Stumpff (1895-1970).
Karl Stumpff (1895-1970).

Karl Stumpff hielt im Radio populärwissenschaftliche Vorträge zur Astronomie und beteiligte sich an Projekten der NASA

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21. August 2012, 07:14 Uhr

SCHLESWIG | Immer wieder werden Straßen und Plätze nach herausragenden Gelehrten und Forschern benannt. Bei Karl Stumpff, einem der bedeutendsten Astronomen des 20. Jahrhunderts, ist das anders: Ein Asteroid im Hauptgürtel des Sonnensystems trägt in Anerkennung seiner Verdienste seinen Namen, ergänzt um die Ziffer 3105. "Ein Leben für Himmel und Sterne" titelte eine renommierte Tageszeitung, als sie anlässlich des 75. Geburtstages von Stumpff - inzwischen Emeritus der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Göttinger Universität - vor allem dessen Wirken auf dem Gebiet der "klassischen" Fächer der Himmelskunde würdigte.

Karl Johann Nikolaus Stumpff - so sein vollständiger Name - stammt aus einer Schleswiger Handwerkerfamilie. Geboren wurde er am 17. Mai 1895 als erstes von vier Kindern eines Tischlermeisters, der im Lollfuß 92 die erste Schleswiger Maschinentischlerei betrieb. Die Mutter, die früh Witwe wurde, sorgte für eine gymnasiale Schulbildung des Sohnes. Ein Mitschüler berichtete später anerkennend über Karls "reiche Kenntnisse und seine Begabung auf dem Gebiete der Mathematik". Das Abitur absolvierte Karl Stumpff Ostern 1914 in Flensburg, um gleich im Sommersemester das Studium der Naturwissenschaften und speziell der Astronomie an der Universität Göttingen zu beginnen.

Unterbrochen wurde sein Studium durch den Beginn des Ersten Weltkriegs. Stumpff meldete sich als freiwilliger Krankenpfleger zum Sanitätsdienst und wurde zusätzlich zum Kanonier ausgebildet. Für seinen Einsatz wurde er mit der Rotkreuz-Medaille dritter Klasse und dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet. 1919 setzte er sein Studium zunächst in Kiel fort, kehrte im folgenden Jahr aber an die Göttinger Universität zurück. Bereits 1922 legte er dort seine Doktorarbeit vor: "Theorie der Periodogramme und ihre Anwendbarkeit auf die Analyse von Mondbeobachtungen." Die Prüfung bestand er mit den Prädikaten summa cum laude (praktische Astronomie und Astrophysik), sehr gut (mathematische Analysis) und gut bis sehr gut (Geophysik).

Beruflich wandte er sich einstweilen der Privatwirtschaft zu und fand Beschäftigung in einem Göttinger Unternehmen, das sich auf die Suche nach Erdölvorkommen mit Hilfe geomagnetischer Messungen spezialisiert hatte. 1925 wurde Stumpff als Assistent an die Sternwarte der Universität in Breslau berufen, wo er sich 1927 für das Fach Astronomie habilitierte. Der Rundfunksender Breslau übertrug gelegentlich populärwissenschaftliche Vorträge von ihm, die von den Schleswiger Nachrichten nicht ohne Stolz angekündigt wurden: "Schleswiger im Rundfunk."

1934 wechselte er als Observator an das Meteorologische Institut der Universität Berlin, die ihn 1935 zum außerordentlichen Professor ernannte. Bis 1942 leitete er das der Universität angegliederte Institut für Periodenforschung, dessen Aufgabe es war, periodische Wettervorgänge zu untersuchen. Dann folgte er einem Ruf nach Graz als Professor der Astronomie und Direktor der Universitäts-Sternwarte. Er setzte nun die in Breslau begonnenen Untersuchungen himmelsmechanischer Problemstellungen fort.

Nach dem Kriege mussten Stumpff und seine Familie Österreich verlassen. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause fanden sie Unterkunft auf einem Gut bei Seesen am Harz. Die dortigen Lebens- und Arbeitsbedingungen waren außerordentlich schwierig. Noch ohne feste Anstellung, konzentrierte sich Stumpff auf die Vorbereitung von Publikationen. Es entstand eine Reihe von Veröffentlichungen zur Himmelsmechanik, Ephemeridenrechnung und Ortsbestimmung sowie eine umfangreiche Darstellung unter dem Titel "Neue Theorie und Methode der Ephemeridenrechnung" in den Abhandlungen der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin.

1952 kehrte er an seine geliebte Alma Mater zurück: Von der Universität Göttingen erhielt er einen Lehrauftrag für Sphärische Astronomie, Bahnbestimmung und Himmelsmechanik. Nach siebenjähriger Lehrtätigkeit wurde Karl Stumpff emeritiert. Doch setzte er seine Vorlesungen fort. In dieser Zeit erschien der erste Band seines dreiteiligen Hauptwerkes "Himmelsmechanik", das 1965 und 1974 komplettiert wurde.

Als ehrenvoll betrachtete er Einladungen, die die amerikanische Weltraumbehörde NASA (National Aeronautics and Space Administration) an ihn ausgesprochen hatte. 1961 und 1966/67 hielt er am "Coddard Space Flight Center" bei Washington Vorlesungen und beteiligte sich an Forschungsprojekten.

Karl Stumpff starb am 10. November 1970 in Göttingen. Bestattet wurde er auf dem Alten Stadtfriedhof, nicht weit entfernt vom Grab des Physik-Nobelpreisträgers Max Planck.

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