Lesung im OLG : „Ein skandalöser Mensch im guten Sinne des Wortes“

Im Gespräch über Günter Grass: Die frühere Oberlandesgerichts-Präsidentin Konstanze Görres-Ohde und Schriftsteller Feridun Zaimoglu.
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Im Gespräch über Günter Grass: Die frühere Oberlandesgerichts-Präsidentin Konstanze Görres-Ohde und Schriftsteller Feridun Zaimoglu.

Am Donnerstag hätte Günter Grass in Schleswig lesen sollen – nun erinnerte Feridun Zaimoglu an den verstorbenen Nobelpreisträger

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07. Juni 2015, 07:26 Uhr

Es war als Höhepunkt des Jahres im Programm der Schleswiger Gesellschaft Justiz und Kultur geplant: Nobelpreisträger Günter Grass sollte am Donnerstagabend im Plenarsaal des Oberlandesgerichts aus seien neuesten Werken lesen.

Als die Vorsitzende der Gesellschaft, die frühere OLG-Präsidentin Konstanze Görres-Ohde, im April die Nachricht von Grass’ Tod hörte, war ihr schnell klar, dass der seit langem geplante Termin nicht einfach ausfallen sollte. An jenem Abend sah sie im Fernsehen viele Fachleute über den verstorbenen Großdichter reden – unter ihnen auch Feridun Zaimoglu – und was er über Günter Grass, den er gut kannte, zu sagen hatte, gefiel ihr so gut, dass sie ihn sofort anrief, um ihn als Ersatz für die Lesung im OLG zu engagieren. Sie hatte Glück: Der Kieler Schriftsteller, der in den vergangenen Jahren schon drei Mal in Schleswig zu Gast war, sagte sofort zu.

So saßen Zaimoglu und Görres-Ohde am Donnerstagabend nebeneinander an dem Tisch, an dem eigentlich Günter Grass hätte sitzen sollen. Abwechselnd trugen sie Gedichte des Verstorbenen vor, die weniger bekannt sind als seine Romane, aber – das machte ihre Auswahl deutlich – nicht weniger lesenswert.

Zwischendurch sprach Zaimoglu darüber, was er an Günter Grass besonders schätzte: „Er war ein warmer Mensch, aber kein kitschiger. Er war ein skandalöser Mensch im guten Sinne des Wortes. Er hat nie harmonisiert, nur um eine Lebenslüge aufrechtzuerhalten.“ Diejenigen, die ihm eine solche Lebenslüge unterstellten – und damit spielte Zaimoglu auf Grass’ Mitgliedschaft in der Waffen-SS an – , seien „sehr unbelesene Menschen“. Schließlich habe Grass in seinen Romanen die eigene Zerrissenheit immer dargestellt.

Nach der Pause las Zaimoglu einen noch unveröffentlichten Text aus seiner eigenen Feder – und zog das Publikum damit mindestens ebenso in seinen Bann wie zuvor mit den Grass-Gedichten. Mit großer Offenheit und einer Prise Humor beschrieb er seinen Wandel vom türkischen Arbeiterkind zum deutschen Bildungsbürger. Konstanze Görres-Ohde sprach anschließend von einer „Sternstunde“, und Zaimoglu versprach, dass es diesen Text in absehbarer Zeit auch in gedruckter Form geben wird.

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