Schleswig : Ein schauriger Fund

Olaf Christiansen und Veronika Klems vom Grabungsteam inmitten des Gräberfeldes.
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Olaf Christiansen und Veronika Klems vom Grabungsteam inmitten des Gräberfeldes.

Bei Grabungen in der Schleswiger Altstadt haben Archäologen erstaunliche Entdeckungen gemacht.

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21. Mai 2015, 12:45 Uhr

Der kalkhaltige Boden unter Schleswigs Altstadt ist ein echter Glücksfall, sagt Martin Segschneider. Währenddessen blickt der Dezernatsleiter im Archäologischen Landesamt über ein zwar nur kleines, dafür aber mit etlichen Knochen und Schädeln übersätes Gräberfeld, das seine Mitarbeiter in den vergangenen Wochen freigelegt haben. Rund 40 Menschen wurden hier bestattet, vermutlich im 13. Jahrhundert – und ihre Überreste sind, dank des Kalkes in den Bodenschichten, so gut erhalten, dass selbst die Experten staunen.

Dass mehrere Skelette auf dem Grundstück in der Noorstraße liegen würden, auf dem zuvor zwei baufällige Häuser aus dem frühen 20. Jahrhundert abgerissen wurden, war den Archäologen bereits klar, bevor sie mit den Grabungen angefangen hatten. Denn schon 2003 hatten sie auf dem Nachbargrundstück ein ähnliches Szenario erlebt. Auch damals waren im Zuge eines Abrisses und eines geplanten Neubaus Untersuchungen des Untergrundes vorgenommen worden, bei denen am Ende die rund 800 Jahre alten Knochen von 280 Menschen gefunden wurden. „Der Grund ist, dass hier im 13. Jahrhundert ein Friedhof war. Wahrscheinlich gibt es auch unter den benachbarten Häusern bis hin zur Langen Straße noch zahlreiche Gräber“, erklärt Segschneider gestern Morgen bei einer Begehung der Grabungsstätte.

Tatsächlich hat in der Nähe der Fundstelle bis etwa 1250 die St.-Clemens-Kirche gestanden, eine Seefahrerkirche. Zu ihr wiederum gehörte auch ein großer Friedhof. Beide Einrichtungen waren jedoch außerhalb der ursprünglichen Stadtmauern angesiedelt und mussten, während Schleswig im Hochmittelalter in seiner Blüte stand und stetig wuchs, einer Wohnbebauung weichen. „Die Altstadt ist eine echte Schatzkammer. Hier gibt es noch so viel zu entdecken. Es hat schon seinen Grund, warum das Archäologische Landesamt hier und nicht etwa in Kiel seinen Sitz hat“, betont Segschneider auch mit Blick auf die aktuellen Grabungsergebnisse.

Denn die haben neben dem guten Zustand der menschlichen Überreste noch eine weitere Überraschung mit sich gebracht: Erstmals hat man in der Altstadt sogenannte Kopfnischengräber gefunden, die eigentlich eher typisch sind für den mitteldeutschen Raum. Zwei Skelette lagen – Christen-üblich in Ost-West-Lage gebettet – in gemauerten Steinsarkophagen. Der Großteil besteht dabei aus Backstein, der Kopfteil jedoch aus Tuffstein. Segschneider vermutet, dass dieser damals über die Treene in Hollingstedt angelandet und dann weiter nach Schleswig transportiert wurde. Die gleichen Steine wurden übrigens auch bei den Grabungen am Tor des Danewerkes gefunden.

„Wir können jetzt schon sagen, dass es sich bei den beiden Skeletten in den Kopfnischengräbern wahrscheinlich um erwachsene Frauen handelt, die damals sicherlich zu den wichtigeren Personen in der Stadt zählten. Vielleicht Ostseehändler“, erklärt Grabungsleiterin Veronika Klems. Unter anderem die Stärke der Kiefer- und Oberschenkelknochen, die Abnutzung der Zähne sowie die Art der Bestattung ließen solche Schlüsse zu.

Neben den beiden Frauen wurde offenbar ein Mann begraben; vermutlich nur mit einem Leichentuch bedeckt. Insgesamt sieben Menschen im „anatomischen Verbund“ haben die Archäologen gefunden. Hinzu kommen die verstreuten Knochen und Schädel von etwa 30 weiteren Personen, darunter auch Kinder. „Es ist nicht auszuschließen, dass weitere hinzukommen“, sagt Klems, als damit begonnen wird, die menschlichen Überreste zu sichern und ins Archäologische Landesamt zu überführen.

Dort werden sie in den kommenden Wochen untersucht und später archiviert. Bei den Grabungen von 2003 hat man unter anderem feststellen können, welche Menschen zu Lebzeiten körperlich gearbeitet haben und welche eher sitzenden Tätigkeiten nachgegangen waren. „Das trägt zum Gesamtbild des Lebens im hohen Mittelalter bei“, betont Martin Segschneider.

Detlef Petersen indes freut sich, dass die Untersuchung und Grabungen bald ein Ende haben. Als Eigentümer des Grundstücks habe er die Arbeiten der Archäologen zwar mit Interesse verfolgt. Wenn diese in ein paar Tagen jedoch abgezogen sind, kann er endlich selbst zur Tat schreiten. Ein Haus mit zehn Wohneinheiten wird demnächst entstehen. Und es soll nicht sein letztes Projekt dieser Art in der Altstadt gewesen sein. Petersen wird sich also auf weitere Überraschungen einstellen müssen.

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