Schleswig : Ein Nachmittag ohne Strom

Auf einer Baustelle der Schleswiger Werkstätten am Ilensee hat ein Bagger ein Stromkabel durchtrennt.
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Auf einer Baustelle der Schleswiger Werkstätten am Ilensee hat ein Bagger ein Stromkabel durchtrennt.

Ein Bagger durchtrennt Kabel – und ein Stromausfall legt gestern Nachmittag die halbe Stadt lahm. Die meisten Schleswiger nahmen es entspannt.

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29. März 2017, 11:58 Uhr

Um 16.05 Uhr gingen die Lichter aus. Auf einen Schlag war fast die halbe Stadt ohne Strom. In den Wohnzimmern schalteten sich die Fernseher ab, auf den Straßen die Ampeln. In den Geschäften im Stadtweg funktionierten die Kassen nicht mehr und die zahlreichen elektronisch gesteuerten Eingangstüren ließen sich nicht mehr schließen.

Es dauerte eine knappe Stunde, bis es den Technikern der Stadtwerke gelang, den Fehler zu beheben, der zu einem der größten Stromausfälle führte, die Schleswig in den letzten Jahren erlebt hat. Die Ursache lag nur wenige Meter vom Haus der Stadtwerke entfernt: Bei Bauarbeiten auf einem Grundstück der Schleswiger Werkstätten hatte ein Bagger ein Kabel durchtrennt. Das Stadtgebiet wird aus zwei Richtungen mit Strom versorgt: Aus dem Osten über den Ilensee und aus dem Süden über Busdorf, erklärte Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs. Vereinfacht gesprochen: Wer am Busdorfer Kabel hing, blieb vom Stromausfall verschont, wer am Ilensee-Kabel hing, erlebte am eigenen Leib, wie sehr fast alle Verrichtungen des täglichen Lebens von der Stromversorgung abhängen.

Im Modeladen Cubus bewachen die Mitarbeiterinnen Melissa Muratovic (li.) und Zoe Tolksdorf den Eingang, weil sich die Tür ohne Strom nicht mehr schließen lässt.
Im Modeladen Cubus bewachen die Mitarbeiterinnen Melissa Muratovic (li.) und Zoe Tolksdorf den Eingang, weil sich die Tür ohne Strom nicht mehr schließen lässt.

 

Die elektrische Grenze verlief quer durch die Ladenstraße. Fast der gesamte Stadtweg war vom Blackout betroffen. Die Geschäfte am Kornmarkt hingegen, aber auch das Schlei-Center und das Capitol-Kino hatten Energie. „Bei uns hat es nur kurz geflackert, und wir mussten einige Geräte neu hochfahren“, sagte Kinoleiter Markus Thiel. Das Programm lief aber weiter. Vielen Innenstadt-Kaufleuten blieb indes nichts anderes übrig, als ihre Geschäfte zu schließen.

In der Nord-Ostsee Sparkasse herrschte einige Verwirkung, immer wieder mussten Kunden abgewiesen werden, die Geld abheben wollten. Das Problem: Die elektrisch betriebenen Türen zum Stadtweg ließen sich nicht schließen. Also blieb zunächst keine andere Lösung, als mit viel Personal Kundengespräche an der Eingangstür zu führen.

Bäckerei Jaich ist eines der wenigen Geschäfte, die trotz Stromausfalls geöffnet blieben. Gitte Nett (re.) kauft Simone Grünberg Brötchen.
Die Bäckerei Jaich ist eines der wenigen Geschäfte, die trotz Stromausfalls geöffnet blieben. Gitte Nett (re.) kauft Simone Grünberg Brötchen.
 

„Da kann mal mal sehen, wie abhängig wir von der Stromversorgung geworden sind“, sagte Wolfgang Schröder, Inhaber der gleichnamigen Buchhandlung. Er nahm das Malheur gelassen, obwohl er seine Kasse nicht öffnen und deshalb auch nichts verkaufen konnte. Ein wenig Stimmung brachte er dann mit Teelichten in seinen Laden.

Alle Hände voll zu tun hatten die Angestellten von Edeka Christensen. Schließlich waren gerade Kunden im Laden, als der Strom ausfiel. Die kamen allerdings nicht weit – weil die Kassen nicht funktionierten, mussten sie alles stehen und liegen lassen. Sie wurden aus dem Geschäft gebeten.

Andere improvisierten an diesem sonnigen Frühlingstag. Optikermeister Rolf Quasseck etwa schob einen seiner Stühle ins Freie, um dort seinen Kunden ihre Brillengestelle anzupassen. Beste Laune herrschte auch vor der Doc-Morris-Apotheke, die Belegschaft hatte alle Sitzgelegenheiten vor die Tür geschafft und sich in die Sonne gesetzt. Keine Kunden und keine Ahnung, wann der Strom wiederkommen würde – da ließ es sich prima entspannen.

Ganz anders dagegen die Lage bei I.D. Sievers. Nachdem der erste Schreck über die plötzliche Dunkelheit überwunden war, kamen bereits die ersten verärgerten Kunden, die den hauseigenen Parkplatz nicht verlassen könnten. „Wir hatten keine andere Möglichkeit, als ganz schnell die Schranke abzuschrauben“, erklärte Geschäftsführer Klaus-Peter Jeß. So ganz wohl war ihm aber auch nach der Aktion nicht. „Kameras und Sicherheitsschleusen funktionieren nicht – ich hoffe, es ist niemand mehr drinnen, der noch einkauft.“

Optikermeister Rolf Quasseck bedient seinen Kunden (Thomas Rühs) kurzerhand draußen vor der Tür.
Optikermeister Rolf Quasseck bedient seinen Kunden (Thomas Rühs) kurzerhand draußen vor der Tür.
 

Auf der Königstraße staute sich derweil am späten Nachmittag der Verkehr stadtauswärts vor der Domschule. Anders als an der Poststraße war dort die Ampel in Betrieb, und offenbar hatten sich zahlreiche Innenstadt-Kunden und Berufstätige gleichzeitig auf den Weg nach Hause gemacht. Auch zahlreiche Wohngebiete im östlichen Teil der Stadt bis hin zum Neubaugebiet am Berender Redder waren vom Stromausfall betroffen. Im Helios-Klinikum an der St. Jürgener Straße lief die Versorgung unterdessen reibungslos, sagte Klinik-Sprecherin Andrea Schumann. Nur in der Forensik sei der Strom „für eine Sekunde“ ausgefallen, ehe die Notstromversorgung des Krankenhauses ansprang.

Um 18 Uhr waren nach Auskunft von Stadtwerke-Chef Schoofs 95 Prozent der Stadt wieder unter Strom. Stück für Stück hatten seine Mitarbeiter das spinnennetzartig aufgebaute Stromversorgungssystem in der Stadt wieder in Gang setzen können. Die Kabel-Reparaturarbeiten auf der Baustelle am Ilensee liefen unterdessen weiter.

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