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Prozess um Tankstellen-Überfall in St. Jürgen : Ein Mann mit vielen Alibis

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Angeklagte schafft es immer wieder, neue Zweifel aufkommen zu lassen. Das Urteil fällt im Dezember.

von
erstellt am 07.Nov.2015 | 18:39 Uhr

Es war an einem Abend im Januar des vergangenen Jahres: Ein bewaffneter und maskierter Mann in einer auffälligen schwarz-blauen Trainingsjacke überfiel die Team-Tankstelle im Gewerbegebiet St. Jürgen. Er entkam mit 538 Euro Bargeld, die ihm die Kassiererin in eine Brötchentüte füllte, weil der Mann vergessen hatte, eine Tasche für seine Beute mitzunehmen.

Der Fall beschäftigt das Flensburger Landgericht nun seit vier Monaten. Zwei Männer im Alter von 23 und 24 Jahren aus dem Friedrichsberg, Andrei L. und Dennis D. (Namen geändert), sind angeklagt. Eigentlich war für Freitag endlich das Urteil geplant, aber der zähe Prozess geht nun in die Verlängerung bis in den Dezember. Immer wieder tauchen neue Unklarheiten auf.

Dabei schien es anfangs so, als hätte die Polizei den Überfall schnell aufgeklärt. Nachdem die Schleswiger Nachrichten ein Foto der Tankstellen-Überwachungskamera veröffentlichten, meldete sich eine Leserin, die Andrei L. an seiner Jacke erkannt hatte. Wenig später gestand er die Tat.

Aber hatte er einen Komplizen? Und war das Dennis D.? Oder jemand anderes? Oder waren es mehrere Komplizen? Diese Fragen sind noch immer nicht endgültig beantwortet. Dennis D. gelingt es immer wieder, Zweifel an seiner eigenen Tatbeteiligung aufkommen zu lassen. Einmal war es seine Mutter, die bezeugte, sie habe zum Zeitpunkt der Tat mit ihrem Sohn bei McDonald’s Chicken-Burger gegessen.

Am Freitag nun tauchte ein Tätowierer auf, der erzählte, dass alles ganz anders gewesen sei. Er hatte es nicht weit in den Verhandlungssaal, denn er sitzt derzeit wegen Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte im Gefängnis gleich neben dem Landgericht. Vor wenigen Wochen traf er dort auf Dennis D. Man kam ins Gespräch, und der Tätowierer stellte sich als Zeuge zur Verfügung.

Tatsächlich kennen sich Andrei L. und der Tätowierer schon lange. Sie sollen sich sogar einmal die Freundin geteilt haben. Unstreitig ist, dass sie sich ein paar Wochen nach dem Überfall – da lag die Sache mit der geteilten Freundin schon eine Weile zurück – trafen. Andrei L. ließ sich damals zwei Schlangen auf den Unterarm stechen. Bei dieser Gelegenheit, so schilderte es der Tätowierer, habe man auch über die Tat gesprochen: „Es hat mich interessiert, ob es sich lohnt, eine Tankstelle zu überfallen. Ich dachte, vielleicht kann ich daraus lernen.“ Jedenfalls habe Andrei L. ihm dabei gebeichtet, dass er Dennis D. zu Unrecht angeschwärzt habe, um seinen wahren Komplizen – Marvin J. – zu decken.

Das Gericht reagierte auf diese Version erkennbar skeptisch. Aber nicht nur die Aussagen, die Dennis D. entlasten, lassen Zweifel aufkommen. Dasselbe gilt für die belastenden Aussagen. Die Anklage stützt sich im Wesentlichen auf die Angaben von Andrei L. Niemand hat Dennis D. in der Nähe des Tatorts gesehen.

Das Gericht hat sich intensiv mit den Handydaten der Angeklagten und ihres näheren Umfelds beschäftigt. Gestern stellte sich heraus, dass das Handy von Marvin J. kurz nach dem Überfall über einen Funkmast an der Schleidörferstraße eingeloggt war – also nicht weit weg von der Team-Tankstelle. Allerdings hatte sich während der Beweisaufnahme herausgestellt, dass alle Beteiligten mit verschiedenen Geräten und Sim-Karten operieren und die Handys gelegentlich auch untereinander austauschten. Andrei L. hatte sein Telefon vor dem Überfall absichtlich eingeschaltet zu Hause im Friedrichsberg liegen gelassen, um sich ein Alibi zu verschaffen – und ein altes Ersatz-Handy eingesteckt, ohne daran zu denken, dass dieses ebenfalls auf seinen Namen registriert war.

Ob noch weitere Zeugen gehört und Beweise gesichtet werden sollen, ist offen. „Wir müssen die neuen Informationen erst einmal sacken lassen“, sagte die Vorsitzende Richterin Katrin Kropp.

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