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Psychiatrie-Opfer : Ein Mahnmal auf dem Hesterberg?

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

An das Leiden der Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bis in die 1970er Jahre könnte schon bald ein Informationszentrum auf dem Hesterberg erinnern.

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erstellt am 05.Jan.2016 | 18:40 Uhr

Die Aufarbeitung des Unrechts, das Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Hesterberg bis in die 1970er Jahre hinein geschehen ist, steht noch immer ganz am Anfang. Das ist das Zwischenfazit, das die frühere Landespastorin Petra Thobaben jetzt gezogen hat. Sie hat sich im vergangenen Jahr im Auftrag der Landesregierung mit dem Thema befasst und mit zahlreichen Betroffenen gesprochen.

Sie hat in den vergangenen Monaten viel erfahren über die Eiseskälte, mit der die jungen Bewohner des Landeskrankenhauses einst behandelt wurden, sie hat Berichte über Misshandlungen und sexuellen Missbrauch gesammelt. Die Erinnerungen der ehemaligen Patienten sind oft die einzigen Anhaltspunkte, mit denen sich das Geschehene rekonstruieren lässt. Krankenakten aus jener Zeit existieren nicht mehr. Vereinzelt haben sich auch frühere Krankenhaus-Mitarbeiter zu Wort gemeldet – und grundsätzlich bestätigt, dass in dem Krankenhaus eine oft menschenverachtende Atmosphäre gegenüber den Bewohnern herrschte, von denen längst nicht alle geistig behindert oder psychisch krank waren.

Thobaben regt nun an, auf dem Gelände der heutigen Helios-Fachklinik auf dem Hesterberg ein Informations- und Kommunikationszentrum einzurichten. „Es könnte als eine Art Mahnmal fungieren“, meint sie. Denn ein wichtiges Anliegen ist es für sie, dazu beizutragen, dass sich die Geschehnisse nicht wiederholen. Denn die Gefahr bestehe. „Übergriffe in abgeschlossenen Systemen gibt es bis heute.“

In dem Informationszentrum könnten außerdem die Betroffenen die Möglichkeit haben, sich untereinander auszutauschen. Dabei werde noch zu klären sein, ob dies in einem der Häuser geschehen solle, die für die einstigen Bewohner mit belastenden Erinnerungen verbunden sind, oder lieber in einem anderen Gebäude. Helios-Sprecherin Inke Asmussen, die sich auf Seiten des Klinikunternehmens mit der Psychiatriegeschichte beschäftigt, steht diesem Vorschlag positiv gegenüber. In die Überlegungen zur konkreten Ausgestaltung möchte Thobaben auch die Kirche und weitere Verbände, die Kommunal- und Landespolitik sowie weitere interessierte Bürger einbinden.

Die Arbeit der Pastorin ist nun erst einmal abgeschlossen. Für Ende des Monats hat sie einige der Betroffenen wie den Friedrichsberger Alfred Koltermann zu einem „Salongespräch“ in ihr Wohnhaus in Westerrönfeld eingeladen. Daran werden unter anderem auch Inke Asmussen und Sozialministerin Kristin Alheit teilnehmen. Thobaben zeigt sich bereit, auch weiterhin als Ansprechpartnerin für Psychiatrie-Opfer zur Verfügung zu stehen. „Im Dialog im geschützten Raum wird manches ansprechbar, was unter anderen Umständen ungesagt bliebe.“ Die detaillierte Aufarbeitung, die Analyse der Strukturen erhofft sie sich jedoch von Historikern. Sie regt an, bei Wissenschaftlern der Kieler Universität eine Vorstudie in Auftrag zu geben, die ermitteln soll, ob im Landesarchiv und an anderen Orten ausreichend Material für ein umfangreicheres Forschungsvorhaben vorhanden ist.

Ein anderes Thema ist die finanzielle Entschädigung für die Opfer. Dies ist ein bundesweites Thema. Denn in zahlreichen anderen Einrichtungen der Psychiatrie und der Behindertenhilfe in ganz Deutschland waren die Zustände ähnlich wie auf dem Hesterberg. Bund und Länder verhandeln seit Jahren über einen Fonds, aus dem die Betroffenen Geld erhalten sollen. Ende des Jahres schienen die Gespräche kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Für Dezember gab es sogar schon einen Termin, an dem die Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel die Einigung absegnen sollten. Der Termin wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. „Ich finde es mittlerweile peinlich, dass sich Bund und Länder nicht einigen können“, sagt Thobaben. Viele der Opfer stünden kurz vor dem Rentenalter und seien auf das Geld angewiesen – auch weil sie oft über Jahre nicht in die Rentenversicherung eingezahlt haben, sondern für ein Taschengeld so genannte „Therapiearbeit“ leisteten.

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