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Jan Wagners Gedichte im Oberlandesgericht : Ein Kraut, das durch die Zeilen zischt

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der gefeierte Lyriker an Wagner liest im voll besetzten Plenarsaal des Schleswiger Oberlandesgerichts aus seinen Gedichtbänden.

von
erstellt am 10.Mär.2016 | 07:39 Uhr

Er begann mit dem Giersch. Das Gedicht über das scheinbar unausrottbare Unkraut, das jeder Hobbygärtner verflucht, ist so etwas wie Jan Wagners größter Hit. Der Giersch zischt durch die Zeilen – „hinter der Garage, beim knirschenden Kies, der Kirsche“. Als Wagner im Plenarsaal des Oberlandesgerichts diese Zeilen vorlas, hatte er das Publikum sofort auf seiner Seite. Der 44-jährige Dichter, der aus Ahrensburg stammt und heute in Berlin lebt, ist derzeit der größte Star am deutschen Lyrik-Himmel – spätestens seitdem er im vergangenen Jahr für seinen Band „Regentonnenvariationen“ den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, der zuvor immer nur für Romane verliehen wurde.

Die Gedichte kommen ohne laute Pointen aus, und Wagner trägt sie auch nicht mit lauter Stimme vor. Zu den wenigen Anekdoten, die er während seiner Lesung am Donnerstagabend erzählte, gehörte die von einem Auftritt in Berlin gemeinsam mit Kevin Young, einem „Blues-Dichter“ aus Chicago, dessen Verse er ins Deutsche übersetzt hatte. Gegen die donnernde Bass-Stimme des Amerikaners und die Gitarrenbegleitung kam Wagner nicht an.

Im Oberlandesgericht aber war das Ambiente ideal für Wagners Verse. Statt Gitarrenbegleitung hatte Konstanze Görres-Ohde, die Vorsitzende der Gesellschaft Justiz und Kultur und frühere Gerichtspräsidentin, den israelischen Cellisten David Shamban bestellt. Der gefragte Filmmusiker, der seit zwölf Jahren in Deutschland lebt, sagte sofort zu – und spielte aus seinem großen klassischen Repertoire spontan Stücke, die zu Wagners Gedichten passten.

Die Veranstalter waren positiv überrascht davon, dass ein Lyriker ihnen einen voll besetzten Saal bescherte. Für die nächsten Veranstaltungen setzen sie dennoch wieder auf Romanciers und Sachbuchautoren. Am 14. April (19 Uhr) liest Andreas Maier aus „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“, und am 2. Mai kommt der aus Schleswig stammende Germanist Tilmann Lahme mit seinem viel beachteten Buch über die Familie Mann.

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