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Ein Job reicht nicht zum Leben : Ein Kampf an vielen Fronten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Siegrid Möller aus Süderfahrenstedt hat zwei Jobs, um über die Runden zu kommen – wie 5900 Menschen im Kreis Schleswig-Flensburg.

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 14:17 Uhr

Am Wochenende ins Kino gehen, den Sommerurlaub in Italien verbringen oder an einem freien Tag ausgiebig shoppen gehen – für viele Menschen ist das ein Stück Lebensqualität. Doch nicht jeder kann sich diesen Luxus leisten. Rund 5900 Menschen im Kreis Schleswig-Flensburg haben neben ihrem Hauptjob noch einen Minijob, um über die Runden zu kommen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Menschen mit zwei Jobs fast verdoppelt, teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit.

Dass auf dem Arbeitsmarkt nicht alles rosig ist, erfährt auch Siegrid Möller aus Süderfahrenstedt am eigenen Leib. Die 58-Jährige ist alleinstehend und arbeitet hauptberuflich bei der Fleischwarenfabrik Böklunder. Um noch etwas dazuzuverdienen, trägt die vierfache Mutter am Wochenende eine Sonntagszeitung aus. Damit kommt sie auf 1100 Euro netto monatlich, von denen nicht nur sie selbst, sondern auch ihr ältester Sohn Patrick (35) lebt. Patrick ist Asperger-Autist. Er hat soziale Schwierigkeiten, der Kontakt mit vielen Menschen stresst ihn, er kann nicht arbeiten. Deshalb wohnt er bei seiner Mutter in seiner gewohnten Umgebung in Süderfahrenstedt. Patrick bekommt zwar finanzielle Unterstützung vom Staat, doch viel ist das nicht, sagt Siegrid Möller, die eigentlich gelernte Kinderpflegerin ist.

Bis vor einem Jahr hat die 58-Jährige noch einen dritten Job gehabt – bei einem Liefer-Imbiss in Böklund. Doch diese Nebentätigkeit hat sie aufgegeben. „Das wurde mir alles zu viel“, erzählt sie. Nicht selten habe sie mit ihren vier Kindern beim Abendessen gesessen, als plötzlich ihr Arbeitgeber anrief und sie eine Bestellung ausliefern sollte. „Meine Kinder, die zu Besuch waren, mussten dann ohne mich essen“, erinnert sie sich. Das sei nicht schön gewesen.

In Böklund ist Siegrid Möller seit sieben Jahren beschäftigt. Über den Personaldienstleister Compact aus Flensburg, der Zeitarbeiter vermittelt, ist sie in das Unternehmen gekommen. „Zuerst hatte ich für zwei Jahre einen befristeten Vertrag“, sagt sie. An Zukunftsplanung sei da nicht zu denken gewesen. Doch der Vertrag sei dann in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis umgewandelt worden. 9,51 Euro Stundenlohn bekommt Siegrid Möller. Sie ist nicht die einzige Zweitjobberin bei Böklunder. „Viele meiner Kollegen gehen nach der Schicht weiter arbeiten“, erzählt sie. Denn nur von dem einen Gehalt könne man nicht leben – schon gar nicht, wenn man eine Familie ernähren müsse. Die Süderfahrenstedterin denkt nicht nur an ihr tägliches Überleben, sondern auch an die Rente. „Dafür muss man eben auch früh genug vorsorgen“, sagt sie.

Die Sonntagszeitung trägt Siegrid Möller schon seit 26 Jahren aus. „Ich wollte meinen Kindern gerne etwas bieten, und wenn es nur ein Kinobesuch war“, erklärt die vierfache Mutter, die seit dem ersten Lebensjahr ihrer jüngsten Tochter Krystina (27) alleinerziehend ist. Von 6 bis 13 Uhr fährt sie jede Woche 17 Orte in Süd- und Mittelangeln ab. Zu ihren Kunden hat sie ein freundschaftliches Verhältnis, vielen bringt sie sogar mit der Zeitung frische Brötchen vorbei. Die Fahrt durch Angeln genießt sie immer wieder und hält nicht selten unterwegs an, um Fotos zu machen. Die Landschaftsbilder von ihren Touren teilt sie auf ihrer Facebook-Seite „Sonntagsbilder aus Angeln“, die 273 Nutzern gefällt. Viel Geld verdient sie als Zeitungsausträgerin nicht. „Wenn man die Spritkosten abzieht, bleibt nicht viel über“, betont sie. Doch ein Blick auf ihr Konto genügt: Es kommt eben auf jeden Euro an.

Einen Lichtblick für ihre berufliche Zukunft gibt es aber: Böklunder will Werkverträge einführen. „Ich hatte bereits ein Infogespräch und es sieht gut aus, dass ich auch so einen Vertrag bekomme“, sagt sie. „Ich habe ja noch einige Berufsjahre vor mir, bevor ich in Rente gehe.“ Auch ihren Kindern würde dann ein Stein vom Herzen fallen. Der Zusammenhalt in der Familie sei sehr stark, erzählt die 58-Jährige. Krystina, Jessica (33) und Benjamin (29) kommen regelmäßig bei ihrer Mutter vorbei. Auch Weihnachten kommt die Familie zusammen. Viele Geschenke gibt es nicht, denn dafür fehlt das Geld. Nur die beiden Enkel dürfen sich über eine Überraschung freuen. Sohn Patrick will seiner Mutter aber in diesem Jahr eine Freude machen und sie ins Kino einladen. „Die 30 Euro für die Karten spart er sich schon seit einiger Zeit zusammen“, sagt Siegrid Möller gerührt.

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