"Big Harry" Schmidt : Ein Großer, der die Ruhe liebt

In seiner Heimat Rundhof ist er glücklich – und dort will er bleiben, noch viele Songs schreiben: Harry Schmidt.
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In seiner Heimat Rundhof ist er glücklich – und dort will er bleiben, noch viele Songs schreiben: Harry Schmidt.

Big Brother ist vorbei: Big Harry lebt in Rundhof sein Leben wie eh und je, und widmet sich in der Idylle vor allem seiner Familie und seiner Band.

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02. Juni 2014, 09:52 Uhr

    Sie sorgen nicht unbedingt für Schlagzeilen, sind aber in ihrer Heimat bekannt wie ein bunter Hund: In unserer Serie porträtieren wir gemeinsam mit der Fotografin Susanne Panozzo Menschen, die auf ihre ganz eigene Art unverwechselbar sind. Weil sie echte Typen sind – Originale eben.

Gerti arbeitet, und Harry auch. Dafür muss er nicht mal ins Auto steigen. Er bleibt in „Harry’s Welt“, die jedem, der daran vorbeifährt, auf einem kleinen Holzschild angekündigt wird. Wenn Harry die Tür des 380 Jahre alten Hauses hinter sich zuzieht, sind es nur ein paar Schritte, vorbei an Gartenmöbeln und Gertis Strandkorb, und er ist da, in seiner Werkstatt. Hier türmen sich keine Autos, als Schlosser arbeitet er längst nicht mehr. Hier bastelt er an etwas Feinerem – fein natürlich nicht im Sinne von schick, elegant, sondern mit Leidenschaft gemacht, von Herzen. Dass Harry hier, oder mal woanders, schon 60 Songs geschrieben hat, verwundert einen nicht.

Ein kleines verwunschenes Fleckchen Erde, die alte Meierei im Stanghecker Ortsteil Rundhof – hier können Ideen scheinbar nur so sprudeln. Grenzen scheinen fehl am Platz. „Ich wohne hier sehr gern – und wie du hörst, hört man nichts.“ Alle halbe Stunde kommt mal ein Auto vorbei. In dem uralten Haus, dessen Dach an einigen Stellen wie eingedellt scheint und das wider Erwarten beide Orkane überstanden hat, lebt Harry seit fast 25 Jahren, hier können er und seine Familie tun und lassen, was sie wollen: Gerti, die Altenpflegerin ist, seine leiblichen Kinder Ribanna, 16, und Harry Alexander, 19, sowie sein Neffe Max, 16. Gerti und Harry wohnen unten, die Kinder oben. „Wir leben hier sehr rustikal, und hier wächst jeder Baum, wie er will.“ Wenn Harry wie heute sturmfreie Bude hat, genießt er das, so scheint es, genauso wie ein volles Haus.

Harry? Big? Big Harry? Herr Schmidt? Alles richtig, aber das letzte mag er nicht so gern. Selbst sein Arzt nennt ihn Harry. Wer denkt, er heißt eigentlich Harald, liegt voll daneben. In der Geburtsurkunde steht: Harry. Vor 14 Jahren hat das Big vor dem Harry eine neue Bedeutung hinzugewonnen. Seit er mit 40 Jahren in den Big-Brother-Container einzog – ja, Harry ist jetzt schon 54 –, kennen ihn Millionen Menschen. Doch er ist geblieben, wer er immer war – Harry aus Rundhof, der leidenschaftlich gern Musik macht, schauspielert, die Familie mit Pfannkuchen oder Putenbraten mit Rotkohl bekocht. Und dann ist da noch Barry, sieben Jahre, weiß und wuschelig. Harry fährt mit dem Hund fast jeden Tag zehn Kilometer Rad.

Manche, die herkommen, würden verwundert fragen: „Hier wohnst du? Hier?“ – „Ja, genau hier!“ In der zweiten Staffel von Big Brother konnte Harry wochenlang täglich live im Fernsehen verfolgt werden, er verließ das TV-Ereignis als Zweitplatzierter. Fragen Medien noch heute an, freut ihn das. „Man verbraucht mich, wie ich bin. Ist doch schön, wenn sie noch Interesse haben.“ Er findet aber auch: „Ich rauch nicht, ich sauf nicht, hab seit Ewigkeiten dieselbe Frau – ich bin für die doch eigentlich langweilig.“ Der Bauch ist seit Big Brother größer geworden, das Haar grauer, meint er, „aber meine Freunde sind dieselben wie vor 40 Jahren“. Etwas Besonderes sei er nicht. „Jeder Mensch macht doch etwas Bedeutendes.“

Wenn man ihn so dasitzen sieht, in der Werkstatt, auf dem Hocker vor seinem Mischpult, die Gitarre in der Hand, Augen und Mund bei jeder Zeile in Aktion, denkt man: ein sympathischer, gemütlicher Typ, der sein Leben genießt, und Spaß haben will. Deshalb gibt es „Big Harry’s Band“, mit der er fast jedes Wochenende durch die Lande braust, „dorthin, wo man uns eben haben will“. Seit 1987 hat er diese Band, er sei aber der einzige, der von Anfang an dabei ist. „Sie ist ein Traum. Wir sind ein bisschen die norddeutsche Antwort auf die Kelly Family.“ Harry spielt Gitarre und singt, Sohn Harry Alexander spielt Bass, Rolf Schuricke Schlagzeug, Neffe Max Schmidt die Leadguitarre, Ribanna singt, und da ist noch ein Harry, „Little Harry“ Johannsen, an der Gitarre. „Wir wollen einfach Spaß haben – und den Leuten Spaß machen“, sagt er. Doch die Band spielt längst nicht nur Blödellieder und Schnulzen, sondern auch Stücke, die zum Nachdenken anregen, wie „20 harte Jahre“, das mehr über Harry verrät, als ihm eigentlich lieb ist.

Harry singt schon sein Leben lang, ist Musiker durch und durch, aber eben auch Schauspieler, im Großstadtrevier zum Beispiel mimt er seit 2002 den Kiez-Kneipenwirt. „Ich arbeite nicht mehr als Schlosser, aber schwatte Fingernägel hab ich immer noch“, sagt Harry, der Ende der 70er Jahre auch mal eine Fleischerlehre in Niesgrau abgeschlossen hat, und zeigt auf seine Stiefel. „Die sind auch schon 20 Jahre alt.“ Er überlegt kurz, sagt: „Ich bin nicht reich, und das will ich auch gar nicht sein.“ Sein VW-Bus hat 750 000 Kilometer auf dem Buckel, „einen neuen brauch ich nicht, der läuft doch“. Genau wie Harry.

Wohl noch in 30 Jahren werden ihn Fremde auf der Straße mit „Moin Harry“ grüßen. Doch er strotzt nur so vor Gelassenheit, gibt gern zu: „Ich hab auch Blödsinn gemacht, war nicht immer ein Engel.“ Aber: „Ich hab noch nie was bereut, das ich getan hab – nur, was ich nicht getan hab.“

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