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Schleswiger Nachrichten

15. Dezember 2017 | 21:29 Uhr

Ein Grobian mit Feingefühl

vom

Stehender Beifall für Wolfgang Treppers unkorrekte Schimpfkanonaden beim Gastspiel in der "Heimat"

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Schleswig | Eigentlich mag man sie nicht. Diese Leute, die sich über alles und jedes aufregen. Die schimpfen wie ein Rohrspatz, fluchen wie ein Kesselflicker. Die wie ein Wegelagerer über andere herfallen, nur über sich selbst nicht. Wolfgang Trepper ist so einer. Am 17. Mai gastierte er auf der großen Bühne in der "Heimat" auf der Freiheit. An die 180 Besucher wollten den Duisburger Stahlarbeitersohn erleben - keine schlechte Quote. Das Programm dauerte, mit Pause, an die drei Stunden. Zum Schluss gab es stehenden Beifall.

Trepper - grauer Anzug, rote Schuhe, sonst nix, keine Requisite, kein Mikrofon - kannte kein Erbarmen bei seinen übellaunigen Schimpfkanonaden, die gerne mit verbalfäkalischen Tupfern garniert wurden. Ob er nun über unförmige Kinder ("Dick und Doof live aus der Kita"), über den "Ehrensold" an Alt-Bundespräsident Walter Scheel oder über Frauen ganz allgemein ("… sind wie ein Hurrican, wenn sie kommen, sind sie warm und feucht, wenn sie gehen, sind Haus und Auto weg") herzog: Das Publikum freute sich diebisch über diese herben Unkorrektheiten, die man sich selber natürlich nie öffentlich gestatten würde.

Nach der Pause wurde die zuvor nur gelegentlich intonierte Abrechnung mit der Scheinwelt der Billig-Fernsehsender und Schlager-Interpreten zum roten Faden des Programms. Kurzeinspielungen aus den Liedern gaben Trepper immer wieder Gelegenheit, die Texte auf ihren Wirklichkeitsgehalt abzuklopfen. Ergebnis: "Alle bekloppt!" Heino? "Wegsperren!", knarzte Trepper. Nicole? Machte nur deswegen Karriere, weil sie aus dem Saarland stammt. Und das Saarland wird nur deswegen und dann erwähnt, wenn man etwas ansonsten schwer Identifizierbares damit ("so groß wie das Saarland") vergleichen muss.

Im Nu hatte Trepper den juchzenden Saal an seinem eigenen Schlafittchen gepackt, indem er die einst das ZDF prägende "Hitparade" als dessen geistige Heimat vorführte. Wie hieß noch mal die Postleitzahl, die man auf die Abstimmungskarte schreiben musste: "65 Mainz?" - "500", tönte es zurück. Schon daran war zu merken, dass dieser Künstler mehr ist als ein "Comedian" und eher als "Kabarettist" bezeichnet werden sollte. Denn er produzierte, bei aller Gag-Verliebtheit, über weite Strecken auch einen Subtext: "sub" wie subversiv.

Spätestens, als er ein, zweimal in die leisen Töne umschaltete, war dies zu merken. Da wurde es ganz still im Saal und Trepper erzählte - fiktiv! - von seiner Begegnung mit Gott in einer der Duisburger Stahlmalocher-Straßen. Gott beschwerte sich über das, was die Kirche aus der Lehre seines Sohns gemacht habe. Am berührendsten die - vermutlich nicht fiktive - Szene am Schluss, in der Trepper von "Florian" berichtete, einem mongoloiden Kind, das in einer seiner Vorstellungen im Hamburger Schmidts Theater saß und ihn immer wieder auf eine Blume aufmerksam machte, die Trepper nach Ende der Show dann tatsächlich am Spielbudenplatz fand.

Da hätten die Zuhörer heulen können. Sie mochten sie den unkorrekten Grobian aus dem Ruhrpott, der ihnen einen fleckigen Spiegel vorgehalten hatte. Der wiederum bedankte sich für die standing ovations, aber nicht mit einer lästerlichen Zugabe (Negerküsse? Ab sofort heißen sie "Schaumküsse mit Migrationshintergrund"), sondern mit der dringenden Bitte, die Schleswiger Kleinkunstbühne "Heimat" auch künftig aufzusuchen. Das Publikum versprachs.

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