Friedrichsberg : Ein Friedhof für Muslime

Tee-Runde in der muslimischen Gemeinde, die mehr als 80 Mitglieder zählt.
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Tee-Runde in der muslimischen Gemeinde, die mehr als 80 Mitglieder zählt.

Die Friedrichsberger Kirchengemeinde gibt ein Stück ihres Friedhofs für rund 100 Grabstellen für Muslime aus Schleswig und Umgebung frei.

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29. Dezember 2014, 14:40 Uhr

Die muslimische Gemeinde ist erleichtert. Weil es endlich geklappt hat, einen eigenen Friedhof in der Heimatstadt Schleswig zu bekommen – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Eintreffen der ersten Gastarbeiter in Stadt und Kreis. Worüber sich der 54-jährige Friedrichsberger Celebi Kilicikesen, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde, aber besonders freut, ist, dass viele alteingesessene Schleswiger sich für die Einrichtung des muslimischen Friedhofes ausgesprochen haben, und zwar Politiker aller Ratsfraktionen wie auch die evangelische Kirche und der Friedhofsverband.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Nilgün Demir (36). Die Diplom-Betriebswirtin ist Ratsmitglied der SPD und arbeitet als Bank-Filialleiterin im Friedrichsberg. „Ich bin hier in Schleswig aufgewachsen und zur Schule gegangen“, sagt sie, „und hier möchte ich später einmal beerdigt werden.“ Gemeinsam mit SPD-Fraktionschef Stephan Dose hatte sie einen Antrag auf Bezuschussung des Friedhofsprojektes in die Haushaltsberatungen eingebracht, um mit diesem Geld (einmalig 7000 Euro) das Grundstück neben dem Friedhofsgelände am Husumer Baum für den muslimischen Friedhof herrichten zu können. Auch ihre Tante Muazzez Demiryürek, die vielen Schleswigern bekannt ist durch die Organisation zahlreicher Hilfstransporte in die Türkei, setzt sich seit Jahren vehement für einen muslimischen Friedhof in Schleswig ein. „Meine Tante gehört zwar noch zur ersten Gastarbeiter-Generation, die in der Regel in der Türkei beigesetzt wird – sie aber möchte hier beerdigt werden“, sagt Nilgün Demir. Als sie den Antrag ihrer Fraktion im Finanzausschuss vorstellte, erhielt sie einhellige Zustimmung von den anderen Fraktionen und von Bürgermeister Arthur Christiansen.

Auf dem Friedhof werden nicht nur türkische Familien ihre Angehörigen bestatten lassen können, sondern auch Flüchtlingsfamilien muslimischen Glaubens aus anderen Ländern.

Die Jahrespacht für den muslimischen Friedhof sowie die Errichtung eines Holzpavillons dort will der türkische Verein selbst tragen, teilt Nilgün Demir mit. Die Verwaltung und die Pflege des Friedhofes jedoch wird die Kirche übernehmen. Der muslimische Friedhof wird über einhundert Grabstellen verfügen und etwa 300 Quadratmeter groß sein. Er soll sichtbar abgegrenzt werden durch einen Stahlmattenzaun und mit einem Tor.

Als die SN kurz vor Weihnachten türkisch-muslimische Gemeindemitglieder im Friedrichsberg besuchen, ist der Tisch reich gedeckt mit selbstgebackenem Gebäck. Es wird frisch aufbereiteter türkischer Tee in kleinen Gläsern serviert, und einige aus der Runde beginnen zu erzählen, welche Bedeutung für sie der muslimische Friedhof in Schleswig hat.

Da ist die Familiengeschichte von Ayse Selek (43). Sie kam mit fünf Jahren nach Schleswig. Ihr Opa lebte bereits hier, er gehörte zu den ersten, die ab 1965 bei Hansa-Fleisch arbeiteten. Ihr Vater lebt seit 1974 in Schleswig, er machte seinen Meister-Abschluss ebenfalls bei Hansa-Fleisch. Ayse Selek ist Mutter von zwei Töchtern (21 und 17 Jahre alt), und sie wurde früh Witwe. Denn ihr Ehemann verstarb vor einigen Jahren mit 39 an einem Herzinfarkt. Zur Bestattung musste er in die Türkei überführt werden. Dafür nehmen die Familien meist hohe Kosten auf sich. Doch das ist es nicht allein, sagt Ayse Selek. „Meinen Töchtern und mir fehlt es, dass wir sein Grab regelmäßig besuchen können.“ Es befindet sich am Heimatort der Familie, zwischen Ankara und Antalya. „Wir haben nicht das Geld, um häufiger in die Türkei zu fliegen. Wie gern hätten wir sein Grab hier bei uns in der Nähe.“

Komplett integriert in Schleswig-Holstein sieht die 49-jährige Hatice Balum, gelernte Friseurin, ihre Söhne, die 22 und 16 Jahre alt sind. Sie sind bereits die vierte Generation hier, erzählt sie – der eine arbeitet als Restaurantfachmann im Glücksburger Sterne-Hotel Alter Meierhof und der andere ist im Bio-Landbau tätig. Hatice Balum: „Meine Kinder sind hier geboren und aufgewachsen. Und sie möchten später einmal uns, also ihre Eltern, hier beerdigt wissen, sagen sie.“

Diesen Wunsch äußern gegenüber den SN auch die anderen Gesprächsteilnehmer. Sie fühlen sich Schleswig und dem Friedrichsberg verbunden. Manche von ihnen haben es sogar geschafft, sich ein eigenes Haus herzurichten. Nilgün Demir, die den beruflichen Aufstieg zur Bank-Filialleiterin erreicht hat und sich in ihrer Freizeit in der Kommunalpolitik engagiert, sagt: „Die meisten türkischen Familien sind jetzt in der vierten, teilweise fünften Generation hier ansässig. Da wird es Zeit, dass sie hier auch, wie schon in Rendsburg und Flensburg, einen muslimischen Friedhof bekommen.“

Auch die alleinerziehende Mutter Neziha Öz baut auf eine Zukunft in Schleswig. „Meine elfjährige Tochter Hümeyra soll später einmal hier studieren. Und der Friedhof ist für mich ein Zeichen, dass wir endgültig dazugehören.“

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