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Lesung in Schleswig : Ein Fernsehstar in Richterrobe

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Barbara Salesch überrascht im Oberlandesgericht mit kurzweiliger Unterhaltung und viel Selbstironie.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2014 | 07:42 Uhr

Nicht nur ihre roten Haare erinnern an Pumuckl, sondern ihre ganze Art ähnelt dem frechen Kobold – selbst die eigene Mutter bescheinigte ihr: „Sie hatte schon immer eine große Klappe.“ Doch anders als die pöbelnden Laiendarsteller in ihrer fiktiven Gerichtsshow, die von 2000 bis 2012 im Fernsehen lief, weiß Barbara Salesch ihr Mundwerk geschickt einzusetzen. Das bewies die Fernsehrichterin a.D., als sie am Dienstagabend im Schleswiger Oberlandesgericht in den Gerichtssaal zurückkehrte, um aus ihrem autobiographischen Buch „Ich liebe Anfänge“ vorzulesen.

Barbara Salesch ist kein Siegfried Lenz oder Günter Grass – was Veranstalterin Konstanze Görres-Ohde unumwunden zugab –, doch führt sie als Juristin die beiden Begriffe „Justiz und Kultur“ auf ganz eigene Weise zusammen. Zwar mag ihre Show „Richterin Barbara Salesch“ nicht das höchste Gut deutscher Fernsehkultur gewesen sein, aber sie hat es mit Einschaltquoten von über 30 Prozent geschafft, der Justiz neue Räume zu erschließen: die Wohnzimmer der Zuschauer.

Dass Salesch auch mehr als zwei Jahre nach Ende ihrer TV-Karriere bekannt und beliebt ist, war auch in Schleswig bemerkbar: Der Plenarsaal war voll besetzt. Dabei wunderte sich die frühere Vorsitzende Richterin, die sich 1999 für ihre TV-Karriere beurlauben ließ, über den hohen Männeranteil und warnte: „Sie müssen damit leben, dass ich das Buch für Frauen geschrieben habe.“ Schließlich seien Buchkäufer meist weiblich, zwischen 40 und 60 und auf der Suche nach was Neuem – daher der Titel „Ich liebe Anfänge“.

Dabei war ihr eigener Anfang am 5. Mai 1950 in Karlsruhe fast ein Fehlstart: Ihr Vater sei so fassungslos gewesen, „nur“ eine Tochter bekommen zu haben, „dass er direkt in Richtung Ausgang gestürmt ist“. Nur der Hebamme sei es zu verdanken, dass dann doch alles gut wurde, denn sie erwischte ihn am Kragen und sagte: „Dieses Kind ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Fortan war sie der Stammhalter, schmunzelte sie – und der ganze Saal schmunzelte mit. Statt einfach vorzulesen, machte die Juristin aus ihrem Leben eine lebendige Erzählung, die durch spontane Erinnerungen ergänzt wurde.

Zudem blitzte immer wieder ihr selbstironischer Humor durch. Als Konstanze Görres-Ohde ihr zweites Studienfach Sport mit „man glaubt es kaum“ kommentierte, lachte Barbara Salesch mit dem Publikum mit und nahm den Ball wenig später auf: „Sport habe ich nur zum Spaß studiert. Ich wollte Trampolin springen.“ Zudem sahen Sportstudenten besser aus als angehende Juristen. Auch eine andere Schwäche sprach sie an: „Mein erstes Buch war kein Lehrbuch, sondern das Dr.-Oetker-Schulkochbuch.“ Nach den ersten Semestern sei sie mit 13 Kilogramm mehr nach Hause gekommen. „Noch heute kann ich mit der Freiheit der Nahrungsaufnahme nicht umgehen“, ergänzte sie schelmisch.

Angesichts ihrer schlagfertigen und witzigen Art – Görres-Ohde gab ihr gar mit auf den Weg, Kabarettistin zu werden – schien der Weg ins Fernsehen gar nicht so abwegig, wie es für eine Vorsitzende Richterin in Hamburg klingen mag. Dazu passt auch, wie sie „entdeckt“ wurde: „Models werden auf der Straße entdeckt, ich am Bierfass.“

Die erste Probeverhandlung in Köln stand allerdings unter keinem guten Stern: „Von vier Stunden Zugfahrt habe ich eine verfrühstückt und drei Panik geschoben.“ Die habe sich erst gelegt, als Produzentin Gisela Marx ihr klar machte: „Was nicht passt, wird rausgeschnitten.“ Doch es passte, und „ich trat an, um der Nation das Zivilrecht beizubringen – es hat die Nation nur nicht interessiert“, lachte sie. Die echten Fälle, die zunächst verhandelt wurden, waren auf die Dauer so langweilig, dass der Marktanteil bei acht Prozent vor sich hin dümpelte. Erst mit fiktiven Fällen aus dem Strafrecht – Salesch selber meinte, sie hätte vom Zivilrecht keine Ahnung gehabt – kam der Erfolg.

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