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Untergang der „Pamir“ 1957 : Ein Fahrdorfer erlebte die grausamen Stunden im Atlantik

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Vor 60 Jahren sank die „Pamir“ in einem Hurrikan. Der Fahrdorfer Dieter Peinecke erlebte das Drama an Bord eines Motorschiffes.

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erstellt am 16.Sep.2017 | 15:54 Uhr

Die jüngsten Hurrikane „Harvey“ und „Irma“ haben bei Dieter Peinecke schlagartig wieder die Erinnerungen geweckt. An eine tosende See mit 15 Meter hohen Wellen und eine der schlimmsten Schiffskatastrophen der Nachkriegsgeschichte. Vor 60 Jahren, am 21.    September 1957, wurde das Segelschulschiff „Pamir“ ein Opfer des Hurrikans „Carrie“, versank 600 Seemeilen südwestlich der Azoren im Atlantik. Und Peinecke war als junger Seemann ein Zeuge des Unglücks, das 80 von 86 Besatzungsmitgliedern das Leben kostete. Der heute 79-jährige Fahrdorfer überstand den Hurrikan auf dem Frachter „Anita“, der zu den Schiffen gehörte, die nach den Überlebenden der „Pamir“ suchte. „Das ging mir an die Nieren. Sowas vergisst man nicht“, sagt er.

Im September 1957 hat die einer Hamburger Reederei gehörende „Anita“ in Baton Rouge am Mississippi Tabak und Getreide geladen und befindet sich auf Kurs Europa. Hurrikan „Carrie“, erinnert sich der damals 19-Jährige aus dem niedersächsischen Winsen/Aller, ist bereits seit Tagen Thema in den Nachrichten. Die 38-köpfige Crew der „Anita“ glaubt den Wirbelsturm umfahren zu haben, als dieser plötzlich seine Richtung ändert. „Er kam hinter uns her. Da wussten wir, dass es kein Entrinnen mehr gab“, sagt Peinecke, der den Verlauf des Hurrikans Tag für Tag in eine Bordwetterkarte einzeichnete. Am 21. September hat „Carrie“ die „Anita“ eingeholt.

„Ich stand zu der Zeit auf der Brücke und steuerte das Schiff. Die See wurde immer höher, und wir hatten teilweise eine Schlagseite von 30 Grad und mehr“, so Peinecke. „Alles, was nicht niet- und nagelfest war, flog durch die Gegend.“ An Deck des Schiffes sind Taue gespannt, an denen sich die Besatzungsmitglieder festhalten können. „Vier grausame Stunden kämpften wir mit zehn bis 15 Meter hohen Wellen. So etwas habe ich später nie wieder erlebt.“ Der SOS-Ruf der „Pamir“ erreicht die „Anita“ gegen 11 Uhr.

Der 1905 für die Reederei F. Laeisz gebaute Frachtsegler ist mit Gerste beladen auf dem Rückweg von Buenos Aires nach Hamburg. An Bord des 115 Meter langen Viermasters befinden sich neben der Stammbesatzung 51 angehende Handelsschiffsoffiziere – die meisten von ihnen noch keine 20 Jahre alt. „Carrie“ kennt keine Gnade mit der „Pamir“. Die Ladung des Schiffes verrutscht, die Segel gehen verloren, die Mannschaftsräume laufen voll Wasser. Gegen 12 Uhr kentert der Windjammer. Spätere Untersuchungen ergeben, dass eine Kette von Fehlern zu der Tragödie geführt hat. Vor allem die fast vollständig lose gelagerten 3780 Tonnen Gerste sind der „Pamir“ demnach zum Verhängnis geworden.

„Unser Schiff war noch näher am Auge des Hurrikan als die ‚Pamir‘“, sagt Peinecke. „Aber mit unserer starken Maschine und dank gut verteilter Ladung ist uns nichts passiert.“

Am Abend des 21. September erreicht die „Anita“ die Unglücksstelle. 78 Schiffe sowie elf Flugzeuge beteiligen sich an der einwöchigen Suche nach Überlebenden. In der ersten Nacht sucht die „Anita“ rund 100 Quadratkilometer ab – ohne Erfolg. „Die See ging immer noch sehr hoch. Es herrschte ein lautes Getöse. Wir hatten kaum eine Chance, jemanden zu finden.“

Am Morgen des 23. September entdeckt dann ein New Yorker Dampfer fünf Überlebende in einem Rettungsboot. Ein weiterer Schiffbrüchiger wird einen Tag darauf von einem Schiff der US-Küstenwache gerettet. Alle 80 übrigen Besatzungsmitglieder der „Pamir“ sind tot.

Der Untergang bedeutet für die deutsche Handelsmarine das Ende der Ausbildung auf Segelschulschiffen. Nur wenige Wochen nach der Tragödie wird das fast baugleiche Schwesterschiff „Passat“ außer Dienst gestellt, nachdem sie einem anderen Hurrikan nahe der Azoren nur knapp entkommen ist. Die „Passat“ liegt heute als Museumsschiff in Travemünde.

Dieter Peinecke fährt noch weitere zwei Jahre zur See, ehe er erst Klempner und dann Maurer lernt und später als studierter Hochbautechniker in Celle arbeitet. Seit 20 Jahren lebt er in Fahrdorf. Am kommenden Donnerstag, dem Jahrestag des „Pamir“-Untergangs, sind seine Gedanken wieder bei den Opfern der Tragödie. „Die meisten waren ja in meinem Alter.“

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